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Wald-Weidenroeschen, Bild von Blickwinkel

Wildstaude 2026 - Wald-Weidenröschen

Es ist schneller, leuchtender und ausdauernder als die meisten einheimischen Pflanzen und misst sich mühelos mit Gartenlieblingen aus allen Kontinenten. Ein Hoch auf das Wald-Weidenröschen, das Bioterra zur Wildstaude des Jahres 2026 kürt.

Von Adrian Möhl
Bild: Wald-Weidenröschen von Blickwinkel

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Das Leben der «Widerösli» beginnt und endet seidig. Die kleinen, glatten Samen sind mit langen, zarten Flughaaren versehen, welche es ihnen erlauben, rasch grosse Distanzen zu überwinden. Schirmchenflieger nennen sie Botaniker. Einmal gekeimt, offenbaren sie im Frühling ihren Namen: Dann erscheinen die lanzettlichen Blätter, die an schmal- blättrige Weidenarten erinnern. Im Tiefland öffnen sich die ersten grossen Blüten des Wald-Weidenröschens bereits im Juni. Die leuchtend purpurroten Blütentrauben läuten definitiv den Sommer ein. Zur Badehosenzeit blühen sie dann meist üppig und aus­ dauernd. Mit ihren aufrechten, prächtigen Blüten- ständen wirken sie in der Schweizer Flora etwas exotisch, erinnern an wilde Gladiolen, Lupinen oder Watsonien. Anfang September sorgen dann, nach der Blüte, die schmalen Blätter für ein zweites Farbspektakel: Sie flammen oft kräftig rot auf, während die seidigen Samen bereits wieder im Wind tanzen.

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Kurz und bündig: Unkomplizierte Staude mit purpurfarbenen Blütenständen. Bei guten Verhältnissen wird sie maximal 150 cm hoch. Neben ihrer Anspruchslosigkeit überzeugt sie mit einer langen Blütezeit und ihrer Beliebtheit bei Bienen und anderen Insekten – helle Standorte und nährstoffreiche Böden behagen ihr am besten. Erhältlich in gut sortierten Biogärtnereien mit Wildpflanzenangebot.

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Gesellig und genügsam

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In der Schweiz ist das Wald-Weidenröschen in allen Regionen und vom Tiefland bis ins Gebirge weitverbreitet. Oft findet man die Art herdenweise. Besonders häufig ist sie auf Waldschlägen, Brandflächen oder Erosionsstellen an­ zutreffen. Es scheint, als ob sie die Geselligkeit mag, findet man sie doch selten alleine stehend. Mit seinen Flugsamen ist das Weidenröschen rasch zur Stelle, wenn es gilt, eine neue Fläche in Besitz zu nehmen. Wegen seiner Vorliebe für frisch abgebrannte Waldflächen nennt man es in Nordamerika «fireweed», Feuerkraut. Nord­amerika? Ja, tatsächlich ist Epilobium angustifolium auch in Kanada, den USA, und überhaupt rund um den Polarkreis zu Hause. Zirkumboreal nennt man eine solche Verbreitung, die zahlreichen anderen Arten eigen ist. An den Standort stellt die Pflanze des Jahres wenig Ansprüche, und sie lässt sich auch schlecht einem Lebensraum zuordnen. Sie wächst an Ufern, Waldrändern, in Hochstaudenfluren, auf Felsschutt, Ruderalflächen und sogar dort, wo andere längst umgeknickt sind: in Lägerstellen. Dies hilft uns auch für die Pflege der Art im Garten: Solange genügend Nährstoffe, Feuchtigkeit und Platz zur Verfügung stehen, ist die Pflanze genügsam und gedeiht vom Schatten bis in die Vollsonne.

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Kurilischer Tee und Wildgemüse

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Bei Insekten sind die lange blühenden Weidenröschen äusserst beliebt, und meist herrscht an den purpurfarbenen Kerzen ein emsiges Treiben. Das Öffnen der schmucken Blüten erfolgt im Blütenstand von unten nach oben. Nachts und am Abend sind sie geschlossen; in den frühen Morgenstunden öffnen sie sich und werden vor allem zwischen sechs und sieben Uhr von Bienen und Hummeln besucht. In den frisch geöffneten Blüten sind die Staubblätter nach vorne ausgestreckt, und die offene Seite der Staubbeutel liegt nach oben. Somit wird den bestäubenden Insekten ein idealer Sitzplatz geboten, und wer sich auf der bequemen Anflugstange ausruht, dem wird Pollen an den Bauch geheftet. Sind die Staubblätter verwelkt, so biegen sie sich scharf nach unten, und nun übernimmt der Griffel die Rolle der Anflugstange. Es versteht sich, dass nun die pollenbedeckten Bäuche an den Narbenästen abgestreift werden und die Pflanze so bestäubt wird. Für ein Schauspiel im Garten ist also mit dem Wald-Weidenröschen gesorgt. 

Wer die Pflanze des Jahres in seinen Garten aufnimmt, dem sollte ihr Hang zum Wuchern bewusst sein. Einmal etabliert, ist sie manchmal schwer in die Schranken zu weisen. Da ist es gut zu wissen, dass sie als vitaminreiches Wildgemüse genutzt werden kann. Die jungen Triebe werden wie Spargel gekocht, zarte Jungblätter bereichern jeden Wildkräutersalat, und etwas ältere Blätter können wie Kohl verwendet werden, wobei der kohlige Geschmack fehlt und durch eine feine Bitternote ersetzt wird. Wuchert sie noch stärker? Dann starten Sie die Teeproduktion. Die fermentierten Blätter gelten in Russland als guter Ersatz für Schwarztee, ohne Koffein allerdings, aber doch auch mit einer feinen Bitternote. Ivan-Tee oder kurilischer Tee werden die fermentierten und getrockneten Blätter genannt. Einer ­nachhaltigen und schmackhaften Entsorgung von zu grossen Beständen steht also nichts im Wege.

Das Wald-Weidenröschen ist unteranderem online erhältlich bei Wildstauden Gärtnerei | Haselhof Gärtnerei | Stift Höfli.

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Wildstaude des Jahres

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Im Jahr 2022 rief der Verein Bioterra aus Anlass seines 75-jährigen Bestehens die Wildstaude des Jahres ins Leben, um auf diese für die heimische Tierwelt unersetzbaren Nahrungsquellen aufmerksam zu machen. Gleichzeitig bricht Bioterra damit eine Lanze für das Ansiedeln mehrjähriger einheimischer Wildpflanzen im eigenen Garten. Die langlebigen, für die Biodiversität unerlässlichen Blütenpflanzen sind pflegeleicht und unkompliziert. Sie halten Wetterextremen wie wochenlanger Trockenheit oder Regen stand und sind somit eine Bereicherung für jeden Bio- und Naturgarten.

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