überlebenskünstler Löwenzahn

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Er bereichert die Kulinarik ebenso wie die Naturheilkunde und trägt überdies zum Ausgleich in der Natur bei. Der Löwenzahn ist ein wahrer Überlebenskünstler. Marianne Ruoff hat ihm ein ganzes Buch gewidmet.

 

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Kann man von einer Pflanze, die es tausendfach gibt und die sich vermehrt wie kaum eine andere, durch und durch begeistert sein? Man kann. Marianne Ruoff ist es. In den höchsten Tönen und mit tiefer Bewunderung schwärmt sie vom Löwenzahn, diesem Blondschopf der Wiesen. Während Jahren hat sie sich intensiv mit ihm befasst und dabei so viel Wissen über ihn gesammelt, dass sogar ihr Grossvater beeindruckt war.

 

Interview: Sarah Fasolin

Marianne Ruoff, wenn Sie im Frühling an Gärten vorbeispazieren und sehen, wie die Leute den Löwenzahn jäten, können Sie wohl kaum hinschauen?
Marianne Ruoff:  Doch, das kann ich schon, aber es würde mich freuen, wenn die Leute ihn nicht einfach auf den Kompost würfen, sondern zum Beispiel die Blätter für Salat oder die pulverisierte Wurzel als Kaffee nutzten.

Vielleicht ändert sich das jetzt, wo Sie den Deutschen Gartenbuchpreis in der Kategorie «bestes Pflanzenportrait» gewonnen haben.
Ja, das wäre schön. Hoffentlich bekommt er durch diese offizielle Anerkennung nun auch mehr Respekt. Ich selber habe den Löwenzahn in meinem Garten extra angesiedelt und muss ihn manchmal jäten, weil es mittlerweile so viel von ihm hat.

Weshalb setzt er sich so stark durch und wächst so zahlreich?
Der Löwenzahn ist ein wunderbarer Ausgleicher in der Natur. Er kommt auf verdichteten, gut gedüngten Wiesen, die er mit seiner Pfahlwurzel lockert. Ebenso wächst er auf brachliegenden Flächen, die er schnell bedeckt. Da es viele solcher Lebensräume gibt, gedeiht auch der Löwenzahn an so vielen verschiedenen Orten.

War er vor einigen Jahrzehnten, als es noch weniger Eingriffe in die Landschaft gab, weniger weit verbreitet?
Davon gehe ich aus, selbst wenn man es aufgrund der Datenlage schwer sagen kann. Klar ist aber, dass er sich weltweit immer stärker verbreitet. Sogar im heissen Australien ist er inzwischen angekommen.

Hoch oben in den Bergen findet man ihn ebenfalls.
Genau, er kommt ja ursprünglich aus dem Gebirge, dem Himalaja. Der Löwenzahn gehört zu den Pflanzen, die auf den eisfreien Bergspitzen die Eiszeit überlebt haben.

Und mit ihm könne man überleben, schreiben Sie. Wie denn?
Er hat sehr viel zu bieten, sowohl in der Küche als auch in der Heilkunde. Er ist mit Haut und Haar essbar und wenn man seine Pflanzenteile entbittert, also ein bis zwei Stunden in lauwarmes Salzwasser einlegt oder kurz in Essigwasser blanchiert, schmeckt er sehr fein. Da er so stark verbreitet vorkommt, kann man auch grosse Mengen von ihm ernten. Löwenzahn zählt zu den Leberheilkräutern. Er kann die Leberfunktion gut unterstützen und somit unser wichtigstes Stoffwechselorgan stärken. Ebenso lässt er sich bei Magen-Darm-Störungen, aber auch bei Haut- oder Augenleiden einsetzen.

Was haben Sie über die Geschichte seiner Nutzung herausgefunden?

Man geht davon aus, dass der Löwenzahn schon während der Eiszeit den Menschen bekannt war, da man Pollen an eiszeitlichen Siedlungsstätten gefunden hat. Interessant ist zudem, dass praktisch alle indigenen Völker der nördlichen Hemisphäre ihn ähnlich nutzen. Er wird also schon sehr lange und weit verbreitet geschätzt und eingesetzt.

Wissenschaftlich bewiesen ist seine Wirkung aber bislang nicht.
Das stimmt, weil noch zu wenig klassische Untersuchungen gemacht wurden. Doch in der Pflanzenheilkunde wird, je länger je mehr, wissenschaftlich geforscht. Darum gehe ich davon aus, dass irgendwann mehr Ergebnisse vorliegen werden.

Wie sind Sie auf den Löwenzahn gekommen?
Durch meinen Grossvater. Da meine Eltern berufstätig waren, hat er oft auf uns Kinder aufgepasst, ging mit uns in den Wald und lehrte uns die Namen der Vögel. Er zeigte uns die Pflanzen, erklärte, welche man essen kann und welche nicht, und hat so mein Interesse für sie geweckt, auch für den Löwenzahn. Später bin ich ihm durch meine Arbeit als Ärztin und Naturheilpraktikerin immer wieder begegnet. Ich fing an, ihn zu fotografieren, zu erforschen. Sein Heilpotenzial hat mich dabei überrascht, das ist so gross, dass daraus ein Buch entstehen konnte.

Was war Ihre beste Entdeckung?
Die Frühlingskur mit den frischen Blütenstängeln, die ich bei der österreichischen Kräuterheilkundlerin Maria Treben entdeckte. Für zwei bis drei Wochen täglich 6 bis 10 frische, gewaschene Löwenzahnblütenstängel, über den ganzen Tag verteilt, essen. Dies hilft, den Körper zu entschlacken und zu entgiften. Ich mache das seit mehreren Jahren und freue mich jeden Frühling darauf.

Und in der Küche?
Kringelspaghetti mag ich sehr gerne. Dafür werden frische Löwenzahnblütenstängel in zwei bis drei Streifen geteilt, entbittert und anschliessend zehn Minuten im Sieb gedämpft. Dazu passt eine Tomatensauce. Das ist etwas aufwändig, aber es lohnt sich!

Wo ernten Sie Löwenzahn?
Am liebsten jeden Tag frisch im eigenen Garten oder von Weiden. An Strassenrändern oder Orten, wo ich nicht weiss, welchen Einflüssen die Pflanzen ausgesetzt waren, lasse ich sie stehen.

Letzte Frage: Könnte man ihn auch im Topf ziehen?
Ja, das klappt. Man kann den Löwenzahn gut irgendwo ausgraben und in einen Topf setzen. Er ist winterhart und kommt dann jedes Jahr wieder.

Zur Person: Marianne Ruoff ist Allgemeinärztin mit Weiterbildungen in Europäischer Pflanzenheilkunde sowie Traditioneller Chinesischer Medizin. in ihrem Buch stammen von ihr.

bildschirmfoto-2018-03-29-um-14.55.20.jpgBuchtipp: 
Marianne Ruoff: «Löwenzahn und Löwenkraft», ATVerlag, 2017, für Bioterra Mitglieder Fr. 19.—statt Fr. 24.—
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