Spinnen – Superjäger auf acht Beinen

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Von Sandra Weber

Die einen fürchten sich vor ihnen, die anderen finden sie eklig und ein paar ganz wenige sind fasziniert: Spinnen. Dabei sind die Tierchen wahre Nützlinge. Es lohnt sich, sie im Garten willkommen zu heissen.

Wer seinen Garten biologisch bewirtschaftet und naturnah gestaltet, denkt an viele Tierarten: Vögel, Igel, Marienkäfer, Glühwürmchen, Schmetterlinge – aber wohl kaum an Spinnen. Im besten Fall werden sie toleriert, meistens aber ignoriert, von vielen gar gefürchtet. Dabei ist keine einzige der rund 970 Schweizer Arten gefährlich. Im Gegenteil: Man kann die Achtbeiner im Garten zu den Nützlingen zählen, ernähren sie sich doch mit Vorliebe von Tierchen, die uns lästig sind, etwa Mücken und Blattläuse. Eine Weberknechtart frisst gar Schnecken – schade, ist sie nur in Bergregionen verbreitet.

Spinnen sind die erfolgreichsten Räuber auf der Erde, zumindest an Land. Diesen Erfolg verdanken sie ihren ausgesprochen raffinierten Jagdmethoden: Sie erstellen Netze, bauen Fallen, verwenden Lassos, spucken Leim, werfen Fangnetze oder schnappen sich ihre Beute mit einem gewagten Sprung. Zudem haben sie fast jede Nische unseres Ökosystems erobert: vom Berggipfel bis zum Keller, vom Urwald bis zur Bahnhofsunterführung, und natürlich auch unsere Gärten. Die meisten bemerken wir kaum. Sie sind gut getarnt, leben nachtaktiv oder hausen in dunklen Verstecken. Dabei haben die verschiedenen Arten interessante und faszinierende Eigenschaften entwickelt. Etwa die Veränderliche Krabbenspinne, das Chamäleon unter den Spinnen. Sie kann ihren Körper farblich ihrem Jagdhochsitz anpassen. So erscheint sie beispielsweise auf der Rose ‘Schneewittchen’ grünlich-weiss, auf Ringelblumen aber gelb – und ist damit für Hummeln, Bienen, Schwebefliegen und andere hungrige Blütenbesucher erst zu entdecken, wenn es zu spät ist. Mit ihren grossen Vorderbeinen schnappt sich die Krabbenspinne ihr Opfer und tötet es mit einem gezielten Biss in den Nacken. Dieses Verhalten und vor allem die Wahl der Beute scheint uns Menschen nicht besonders sympathisch. Trotzdem sind Krabbenspinnen ein wichtiges Puzzleteil in einem vielfältigen, artenreichen Garten.

Die Kreuzspinne beeindruckt Betrachter dafür mit ihren kunstvollen Netzen, welche sie in den frühen Morgenstunden in knapp dreissig Minuten erstellt – und dafür die Spinnfäden vom Vortag recycelt. Spinnenseide ist bezüglich Kombination von Elastizität und Stabilität übrigens absolut einzigartig und bis heute technisch nicht reproduzierbar. Früher glaubte man, dass Kreuzspinnen – anders als andere Spinnenarten, die man eher im Bund mit Hexen vermutete – Glück bringen und Häuser vor Blitzeinschlag schützen. Ob sie darum samt ihren Netzen unter Schutz stehen?

Bei den meisten Tierarten ist das Männchen die imposantere Erscheinung. Bei den Spinnen ist es umgekehrt: Männchen sind in der Regel deutlich kleiner als Weibchen und selten auffällig gezeichnet. Was ihnen an Masse fehlt, machen sie mit Mut, Geduld und Todesverachtung wett. Von den Weibchen werden sie nämlich als Beute betrachtet. Das Balzritual ist darum äusserst langwierig. Der Bewerber muss seiner Angebeteten klar- machen, dass er zu mehr taugt als nur zum Znüni – was nicht immer klappt. Nicht selten wird das Weibchen auch nach vollzogener Paarung noch vom Hunger übermannt. Trotzdem kennen auch Spinnen Fürsorge: Die Wolfsspinne zum Beispiel hilft ihren Jungen beim Schlüpfen, indem sie deren Kokons aufbeisst. Anschliessend trägt sie ihre oft über hundert Kinder noch bis zu acht Tage lang mit sich herum.

Ob geliebt oder gehasst: Spinnen sind von unschätzbarem Wert für die Biodiversität und ein unentbehrliches Glied in einem funktionierenden Ökosystem. Nicht nur, weil sie mithelfen, die Insektenpopulation in Schach zu halten, auch weil sie selber Beute sind, unter anderem für Igel, Amphibien, Eidechsen, Schlangen und viele Vogelarten.

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Bitte nicht aufräumen!

Spinnen haben je nach Art unterschiedliche Lebensweisen. Wie alle Gartenlebewesen brauchen sie aber in erster Linie Nahrung, Rückzugsorte und Überwinterungsplätze. Nahrung bietet ein Garten, wenn er eine Vielzahl Insekten anzieht. Dies gelingt mit einer vielfältigen Bepflanzung aus einheimischen Sträuchern und nektarreichen Stauden. Auch Totholz zieht viele Krabbeltiere an. Trockensteinmauern, Ast- und Steinhaufen, Holzbeigen, begrünte Fassaden, Gartenlauben und dichte Hecken bieten rund ums Jahr Unterschlupf. Und nicht nur netzbauende Spinnen freuen sich über Gartenecken, die grösstenteils der Natur überlassen werden.

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Trockensteinmauer – Bauanleitung in Kürze

Eine Trockensteinmauer bietet nicht nur Spinnen, sondern auch einer Vielzahl anderer Tiere Unterschlupf und Jagdrevier. Am besten wird sie an einem vollsonnigen Platz auf einem ca. 30 cm tiefen, verdichteten Sand-Kies-Schotter-Fundament errichtet. Steine aus der Region verwenden. Die Mauer sollte in einem zurückweichenden Winkel von 10 bis 15 Grad gebaut werden. Grössere Steine unten, kleinere oben platzieren. Eine freistehende Mauer inwendig mit durchlässigem Baumaterial wie Kies oder Schotter füllen. Ein Teil der Lücken kann mit wärme- und trockenheitsliebenden Pflanzen bestückt werden. Dafür mit einem Spritzsack ein Kies-Sand-Humus-Gemisch in die Ritzen drücken. Profibauer und Kurse: www.bioterra.ch

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anja-staeubli.jpgDrei Fragen an: Anna Stäubli, Dipl. Naturwissenschafterin ETH, Büro «Projekte Ökologie Landwirtschaft» PÖL, mit einem Herz für Spinnen

Warum fürchten sich so viele Leute vor Spinnen?
Das ist für die Wissenschaft bis heute schwer zu erklären. Manche sagen, dass es sich wie bei Schlangen um eine angeborene Urangst des Menschen vor potenziell gefährlichen, weil giftigen Tieren handelt.

Gibt es denn in der Schweiz giftige Spinnen?
Eigentlich sind alle Spinnen giftig. Allerdings können nur wenige Arten mit ihren Beisswerkzeugen durch die menschliche Haut dringen. Spinnen zwicken zudem nur, wenn sie bedrängt werden. Auf den Biss der Dornfingerspinne reagiert man etwa wie auf einen Wespenstich, bei Kreuz- und Kellerspinnen eher wie auf den einer Mücke. Gefährlich sind die Bisse ausser für Allergiker nicht.

Warum mögen Sie Spinnen?
Vielleicht gerade weil sich das Faszinierende an ihnen erst auf den zweiten Blick offenbart. Spinnen zeigen eine Verhaltensbandbreite wie kaum ein anderes Kleinlebewesen. Sie haben höchst interessante und ganz unterschiedliche Jagd- und Balztechniken entwickelt. Und farbige Springspinnen schillern fast so schön wie Libellen.

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Infos:

  • Exkursion: Wissenswertes und Spannendes über Spinnen lernen – geführte Exkursionen für Gruppen auf Anfrage via Anna Stäubli, Tel. 079 606 29 09, anna.staeubliatpoel.ch, www.poel.ch
  • Beratung und Gestaltung von Naturgärten, www.bioterra.ch/fachbetriebe/naturgarten

Buchtipps: 

  • Blumen und ihre Bewohner. Der Naturführer zum reichen Leben an Garten- und Wildpflanzen», Margot und Roland Spohn, Haupt-Verlag, Bern, 2015, Fr. 35.90.
  • Der neue Kosmos Spinnenführer, Heiko Bellmann, Kosmos-Verlag, 2016, Fr. 48.90.
  • Spinnen. Die erfolgreichen Jäger, Stephen Dalton, Haupt-Verlag, Bern, 2009, Fr. 19.80.