Wildstauden in Gärten und Anlagen

Die biogeographischen Regionen der Schweiz

von Otto Hegg, Prof. Dr. phil. nat. Köniz; Präsident Verein Wildpflanzen-Infostelle

Die Schweiz ist biologisch sehr reichhaltig, weil die Alpen und ihr Vorland viele Unterschiede in der geologischen Unterlage, im Klima, in der Steilheit usw. aufweisen und weil sie für das Vorland eine grosse ökologische Barriere bilden. So gibt es im südlichsten, warmen Tessin auf Kalkunterlage und bei hoher Feuchtigkeit Arten, die in der restlichen Schweiz in der Natur fehlen, im trockenwarmen Wallis wachsen andere Spezialitäten, im eher kühlen Jura kommen wieder andere vor, während klare Spezialitäten des Mittellandes nur unter den sehr seltenen Arten vorkommen.(...)

Dieser biologische Reichtum ist durch viele Faktoren bedroht, etwa von veränderten Kulturbedingungen auf den landwirtschaftlichen Flächen, durch höhere Temperaturen, durch Düngung von Magerstandorten aus der Luft, aber auch durch aus anderen Regionen, Ländern oder Kontinenten eingeführte Arten, die für die einheimischen eine grosse Konkurrenz darstellen können. Einer Anzahl dieser Arten kann geholfen werden, indem man sie in Naturgärten und Anlagen pflanzt, aber auch indem sie ausserhalb von Siedlungen auf ökologischen Ausgleichsflächen, an Strassen- und Bahnböschungen usw. angepflanzt werden. Dafür sollten aber einige Regeln beachtet werden, eine davon wäre die regionale Herkunft der Pflanzen.

Einsatz der Wildpflanzen nach Regionen

Es soll keine europäische Einheits- Pflanzensuppe produziert werden, die alle heutigen regionalen Unterschiede übertüncht und wo überall die gleichen häufigen Arten wachsen, während die etwas selteneren durch die Konkurrenz unterdrückt werden, sondern die vorhandenen regionalen Unterschiede in den Lokalfloren sollen erhalten bleiben. Sie zeigen die Vielfalt der ökologischen Gegebenheiten sehr augenfällig - und sie ermöglichen auch die ungeheure Vielfalt an Faltern, Käfern, Spinnen und allen anderen Tieren.

Die Färberkamille Anthemis tinctoria ist eine schöne Pflanze, die früher im schweizerischen Mittelland durchaus nicht überall vorkam. Im Gebiet der «Flora von Bern» (Fischer/Rytz 1944) etwa wird erwähnt, dass sie ganze zweimal an Eisenbahndämmen vorübergehend eingeschleppt wurde. Auch Schinz und Keller taxieren sie 1923 als «selten» und nur an künstlich geschaffenen Stellen. Für die Karde, Dipsacus fullonum gilt im Bernbiet fast das Gleiche. Sie war hier seit jeher «selten, an steinigen Orten» (Fischer/Rytz 1944), ausser dort, wo sie zur Behandlung der Rohwolle kultiviert wurde. Seit sie beide in Saatmischungen für Buntbrache angesät werden, kann man sie auch in diesem Gebiet sehr oft antreffen. Die Flora wird also fälschlicherweise bereichert. Ganz anders sieht es aus, wenn z.B. die Sibirische Schwertlilie aus der Region wieder angepflanzt werden kann, an Stellen, wo sie früher vorkam und wo sie Chancen zum Überleben hat.

Es sollten also keine Wildpflanzen in eine Region gebracht werden, in der sie bisher fehlten, wobei man in diesem Zusammenhang die Region enger fassen sollte als das in der Publikation des BUWAL vorgeschlagen wird (Gonseth et al. 2001).

Regionale Rassen

Es sollen aber auch keine Rassen aus anderen Regionen hergebracht werden, weil sonst die Gefahr besteht, dass die regional angepassten durch Kreuzung mit der eingebrachten Rasse verschwinden und dann die passenden Standorte möglicherweise durch den entstandenen Bastard nicht mehr besiedelt werden können.

Vom Wundklee (Anthyllis vulneraria s.u.) weiss man, dass in der Schweiz mehrere Rassen vorkommen, die sich morphologisch unterscheiden, die aber auch in ihren ökologischen Ansprüchen verschieden sind. Anthyllis vulneraria s.str. ist die verbreitete Art der Tieflagen, die ab und zu auch bis in die untere alpine Stufe aufsteigt. Die Kleinart A. vulgaris kommt ebenfalls in der ganzen Schweiz vor, ssp. carpatica (die frühere alpestris) findet man in der subalpinen und alpinen Stufe im Jura und in den Alpen verbreitet, während sie im Mittelland und im südlichen Tessin fehlt, ssp. polyphylla kommt nur um Genf und im Wallis vor, und ssp. valesiaca (A. cherleri) findet man fast nur in den südlichen Alpen (VS, TI, GR). All diese Kleinarten wachsen auf mageren Böden mit etwas angespannter Wasserversorgung, am liebsten im vollen Licht. Sie bastardieren untereinander, was nicht erwünscht ist. Sie sollen also nur in jener Region kultiviert werden, in der sie von Natur aus vorkommen, sowohl geographisch als auch in Bezug auf die Höhe. Solche Beispiele lassen sich fast beliebig vermehren, und es sind bei weitem nicht für alle Arten alle Kleinarten bekannt, die-vielleicht morphologisch sehr ähnlich und deshalb unerkannt-sich geographisch und ökologisch unterscheiden und die deshalb nicht vermischt werden sollten.

Um mit Naturgärten, vor allem aber auch mit Ausgleichsflächen und anderen Flächen ausserhalb der Siedlungen die Natur bei der Erhaltung der selteneren Pflanzen zu unterstützen, soll man sich also auch an die Regel halten, nur Arten zu kultivieren, die aus der gleichen biogeographischen Region stammen.

Literaturhinweis: Fischer/Rytz, 1944: Flora von Bern. Gonseth, Wohgemuth, Sansonnens&Buttler, 2001 : Die biogeographischen Regionen der Schweiz. Erläuterun gen und Einteilungsstandard

Quelle

Zeitschrift «Naturwärts»,
31 1/2003
(Freitag, 04. April 2014)
Kategorie: 
Wildpflanzen - einheimisch