Wildpflanzen für Töpfe und Kistchen

Auch ein handtuchkleiner Stadtbalkon lässt sich in ein blühendes, naturnahes Gärtchen verwandeln, das gerne von Insekten besucht wird. Gartenfachmann Markus Neubauer verrät, welche einheimschen Wildpflanzen und Töpfe für welche Lagen am besten geeignet sind.

Sie sehnen sich nach natürlicher Vielfalt und wünschen sich Pflanzen, die von Hummeln oder Schmetterlingen besucht werden? Sie würden gerne etwas ernten, frische Kräuter, Pflücksalat oder ein paar scharfe Chilischoten? Sie verfügen aber nur über ein paar Töpfe oder Kistchen auf dem Fenstersims. Das kann funktionieren, sogar recht gut. Bedingung ist allerdings, dass Sie einige der landläufigen Vorstellungen von Balkongrün und Blumenschmuck über Bord respektive das Balkongeländer werfen.

Geranien und Petunien mögen mit ihrer Blütenfülle eine Augenweide sein; ihre Farbintensität ist in punkto Fernwirkung unübertroffen. Die über den ganzen Sommer anhaltende Blütenpracht hat aber ihren ökologischen Preis. Pflanzen blühen ja grundsätzlich, um Samen bilden zu können. Die durch Züchtung erreichte Sterilität der Blüten verhindert dies und bewirkt damit den nicht endenden Blütenflor. Sterile, gefüllte Blüten haben deshalb Insekten nichts zu bieten. Doch auch Wildpflanzen verfügen über eine unglaubliche Fernwirkung. Diese ist  aber nicht auf unser Auge, sondern auf die von Bienen, Hummeln oder Schmetterlingen ausgerichtet. Es ist erstaunlich, wie schnell selbst in scheinbar unwirtlichen Häuserschluchten, Wildpflanzen von nektarsuchenden Insekten gefunden und besucht werden. Die Samenbildung führt natürlicherweise aber dazu, dass die Pflanzen in der Blüte nachlassen oder diese ganz einstellen. Diese Einschränkung muss in Kauf genommen werden. Bei etlichen Arten wie Storchenschnabel Geranium, Alpen-Lein Linum perenne, oder Glockenblumen Campanula kann jedoch mit einem Rückschnitt eine zweite Blütezeit ausgelöst werden.

Wer Wildpflanzen auf dem Balkon wachsen lassen will, wird mit einer gängigen Beet- und Balkonerde nicht glücklich. Der hohe Nährstoff- und der damit verbundene Salzgehalt bekommen den meisten einheimischen Wildpflanzen nicht gut. Ich empfehle eine lockere, torffreie Erde, die mit Sand oder  gemahlenem Bims abgemagert wurde. Nicht bewährt hat sich für Töpfe und Kistchen reine Gartenerde. Sie ist zu schwer und verfügt über zu wenig Wasserhaltevermögen.

Bei der Pflanzenwahl darf experimentiert werden. Etliche Arten die im Garten gross und mächtig werden, verhalten sich in den engen Grenzen der Pflanzengefässe erstaunlich gesittet und pflegeleicht. Auch Kombinationen von Wildstauden, klassischen Zierpflanzen und Gewürzen können sich vertragen und gut nebeneinander gedeihen. Dankbare Zierpflanzen für Kombinationen sind zum Beispiel Prachtkerzen Gaura oder die kleinwüchsigen Löwenmäulchen

Einheimische Wildpflanzen, die sich für die Topfkultur eignen

Agrimonia eupatoria  Gemeiner Odermenning
Sonnig bis halbschattig, trocken, gelbe Blüten von Juli bis September, 50 bis 80 cm hoch, wintergrün

Anthemis tinctoria Färber-Hundskamille
Sonnig und trocken, gelbe Blüten von Juni bis Oktober, 40 bis 80 cm hoch, duftend, wintergrün, Rückschnitt nach Blüte, Wildbienen-Magnet

Anthericum ramosum Ästige Graslilie
Sonnig bis halbschattig, trocken, weisse filigrane Blüten von Juni bis August, 40 bis 70 cm hoch, duftend, Rückschnitt nach Blüte

Anthyllis vulneraria  Gewöhnlicher Wundklee
Sonnig bis halbschattig, trocken, gelbe Blüten von Mai bis August, 10 bis 50 cm hoch, Rückschnitt nach Blüte, breitet sich aus

Campanula rotundifolia Rundblättrige Glockenblume
Sonnig bis halbschattig, blaue Blüten von Mai bis Oktober, 10 bis 30 cm hoch, Rückschnitt nach Blüte

Corydalis lutea Gelber Lerchensporn
Sonnig bis schattig, zitronengelbe Blüten von März bis November, 10 bis 40 cm hoch, duftend, wintergrün

Dianthus carthusianorum Karthäuser-Nelke
Sonnig und trocken, pupurfarbige Blüten von Juni bis September, 30 bis 50 cm hoch, duftend, Rückschnitt nach Blüte, Schmetterlings-Magnet

Dianthus deltoides Heide-Nelke
Sonnig und trocken, dunkelrosa Blüten von Juni bis Juli, 10 bis 20 cm hoch, wintergrün, Rückschnitt nach Blüte

Euphorbia cyparissias Zypressen-Wolfsmilch
Sonnig bis halbschattig, gelbgrüne Blüten von April bis Juni, 20 bis 50 cm hoch, duftend, Rückschnitt nach Blüte, Herbstfärbung

Gypsophyla repens Kriechendes Gipskraut
Sonnig und trocken, weisse, zierliche Blüten von Mai bis Juli, 10 bis 20 cm hoch, duftend, wintergrün, Rückschnitt nach Blüte

Lathyrus vernus Frühlings-Platterbse
Sonnig bis schattig, purpur in blau übergehende Blüten von April bis Mai, 20 bis 40 cm hoch

Origanum vulgare Wilder Majoran
Sonnig bis halbschattig, trocken, purpur bis hellrosa Blüten von Juli bis Oktober, 30 bis 70 cm hoch, duftend, Blütenmagnet für Schmetterlinge

Pulsatilla vulgaris Gemeine Küchenschelle
Sonnig, violette Blüten, Frühlingsblüher von März bis April, 10 bis 20 cm hoch, duftend

Veronica spicata Ähriger Ehrenpreis
Sonnig, violettblaue Blüten von Juli bis September, 20 bis 40 cm hoch, wintergrün, Wildbienen- und Hummelpflanze

 

Die Wahl der Gefässe

Eine besondere Herausforderung stellt die Auswahl der Gefässe dar. Sie sollen schön und elegant sein, zum Stil der Möbel passen, bruchsicher, womöglich frosthart und natürlich wurzelverträglich sein.

Tongefässe sind sehr pflanzenfreundlich und atmungsaktiv. Sie gleichen Temperatur und Feuchtigkeit aus und haben ein hohes Eigengewicht. Ein Nachteil ist die Frostempfindlichkeit. «Impruneta»-Töpfe aus Italien gelten als frostsicher. Sie sind es aber nur, wenn drei vorbeugende Massnahmen getroffen werden.

  • Auf das Abzugsloch sollten Scherben, Steine oder ein Schicht Blähton gelegt werden, damit der Abzug im Topf gewährt ist
  • Damit das Wasser sich über den Winter nicht staut, müssen zudem die Unterteller entfernt und die Töpfe auf kleine Untersetzer gestellt werden
  • Stehen die Töpfe unter freiem Himmel, ist das Einpacken der Töpfe mit Jutestoff oder Noppenfolie eine gute Vorsichtsmassnahme.

Ebenfalls sehr beliebt sind Metallgefässe. Sie zerbrechen nicht und haben in der Regel eine ausgezeichnete Standfestigkeit. Ein Nachteil ist ihre hohe Wärmeleitfähigkeit. Stehen sie an der direkten Sonne, können sie so heiss werden, dass die Wurzeln verbrennen. Im Winter kühlt das Eisen den Topf aus und die Wurzel drohen zu erfrieren. Ich rate deshalb bei Metallgefässen zu einer Innenisolation mit einer Styrofoamplatte.

Weder Verbrennungsgefahr noch ein Frostrisiko haben Gefässe aus Holz. Sie passen vielleicht nicht zu jedem Architekturstil. Dafür haben sie die mit Abstand besten Eigenschaften für ein gesundes Pflanzenwachstum.

Quelle

Zeitschrift «Bioterra»,
Mai/Juni 2014
(Freitag, 02. Mai 2014)
Kategorie: 
Balkon - Terrasse
Wildpflanzen - einheimisch