Die Blindschleiche (Anguis fragilis)

Leider geniesst dieses Tier bei uns nicht eben den besten Ruf. Das hängt zweifellos mit den uralten Ängsten und Vorurteilen der Menschen gegenüber allem Schlangenartigen zusammen. Diese Negativzuweisungen werden in der christlichen Symbolik nach Kräften verstärkt, während beispielsweise in Indien, wo Giftschlangen im Gegensatz zur Schweiz wirklich gefährlich werden können, Kobras als heilige Symbole der Fruchtbarkeit gelten.

Trotz ihrer schlangenartigen Gestalt gehört die Blindschleiche zu den Echsen. Im Skelett sind die äusserlich nicht mehr sichtbaren vier Beinstummel deutlich erhalten, die glatten Schuppen sind echsenartig und die Augenlider beweglich. Blindschleichen leben meist an Luftfeuchten Orten, gerne unter Kompost- und Asthaufen. Im April erwachen sie aus dem Winterschlaf, zu dem sie sich bis zu zwei Meter tief eingraben. Jüngere, hell gefärbte Tiere führen vorzugsweise ein unterirdisches Dasein, ältere Tiere erscheinen vorwiegend in der Dämmerung oder nach einem warmen Regen an der Oberfläche, wo sie ihre Lieblingsnahrung, Nacktschnecken, jagen. Eine völlig harmlose Blindschleiche im Garten zu haben bedeutet also ähnlich grosses Glück für schneckengeplagte Gartenfreundlnnen wie einen Igel als Gast zu beherbergen. Tatsächlich nutzen Blindschleichen vielfältig gestaltete Gärten gerne als Lebensraum, sofern sie die hohe Katzendichte überleben.

Zoologische Untersuchungen in Allschwil und Binningen BL haben gezeigt, dass dort Blindschleiche und Zauneidechse nachweislich aufgrund der zu hohen Katzendichte ausgestorben sind. Nach Paarungstänzen trägt das Weibchen während drei bis vier Monaten die bis zu 25 Eier in sich. Die Jungen werden lebend geboren, da die Eihülle kurz vor der Geburt reisst. Eine Blindschleiche mutwillig oder fahrlässig zu töten ist ein grosser Verlust, denn die Tiere werden erst nach fünf Jahren geschlechtsreif und können nachweislich über fünfzig Jahre alt werden! Sie sind damit die langlebigsten Kriechtiere der Schweiz.

Die vollkommen harmlosen Blindschleichen - blind sind sie nicht, wenn auch der Tast- und Geruchsinn für sie viel wichtiger sind - wehren sich nie mit Bissen, sondern werfen, wie die Eidechsen, bei Bedrohung den Schwanz an einer im Skelett bereits vorgebildeten Stelle ab. Der zuckende Schwanz als Opfer kann Fressfeinde wirksam ablenken. Der Schwanz kann zwar einmal nachwachsen, aber er ist dann deutlich kürzer und dunkler gefärbt. Wenn Sie einer Blindschleiche in der Natur oder im Garten begegnen, können Sie diese durchaus vorsichtig in die Hand nehmen, ohne dass sie ihren Schwanz abwirft. Sie werden erleben können, dass sich der muskulöse Körper mit den silbergrau oder kupferbraun glänzenden, glatten Schuppen weder schleimig kalt noch unangenehm anfühlt. Ihr Name hat übrigens nichts mit blind zu tun, vielmehr stammt er aus dem Althochdeutschen ‚Plintslicho‘, was so viel wie "blendender Schleicher, bedeutet und sich auf die bleiglänzende Färbung bezieht.

Neben Nacktschnecken frisst die Blindschleiche auch Spinnen, Asseln und andere Kleintiere, welche sie mit ihren winzigen Zähnchen festhält. In Europa bis weit nach Asien hinein verbreitet, ist die Blindschleiche bei uns noch relativ häufig, aber in Siedlungsnähe und heckenfreien Ackerflächen nehmen viele Bestände drastisch ab. Geniessen Sie die nächste Begegnung mit einer Blindschleiche ohne Angst und Vorurteile und bedenken Sie, dass dieses unscheinbare kleine Tier wesentlich älter als Ihre Katze oder Ihr Hund werden kann!

Quelle

Zeitschrift «Naturwärts»,
41 3/2005, von Peter Steiger
(Freitag, 04. April 2014)
Kategorie: 
Tiere im Garten