Biodiversität – was ist das genau?

Der Begriff Biodiversität oder biologische Vielfalt ist heute in aller Munde. Schaut man sich diesen Begriff genauer an, so merkt man, dass es sich um einen sehr komplexen Begriff handelt. Wenn wir von Biodiversität sprechen, meinen wir damit die Vielfalt des Lebens auf allen Stufen, von den Genen über Individuen, Arten, Ökosysteme, Ökosystemprozesse bis zu Landschaften. Biodiversität braucht es, damit Leben und Entwicklung überhaupt stattfinden können. Ohne Biodiversität wäre die Erde für Menschen nicht bewohnbar. Biodiversität ist mehr als die Anzahl unterschiedlicher Arten von Lebewesen. Auch die genetische Vielfalt innerhalb von Arten fällt unter den Begriff Biodiversität. Unter Biodiversität versteht man sowohl die Fähigkeit des Lebens, stets neue Formen hervorzubringen, als auch das komplexe Netz von Beziehungen und gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den verschiedenen Lebewesen und ihrer Umwelt. Biodiversität entwickelt eine Art Eigendynamik: Je mehr Formen vorhanden sind, desto mehr neue Kombinationen und Innovationen sind möglich und desto mehr neue Biodiversität kann entstehen.

Biodiversität: das grosse Forschungsthema

Obwohl die Biodiversität unsere Lebensgrundlage darstellt, ist sie noch lange nicht bis in alle Einzelheiten erforscht. Die wissenschaftliche Forschung beschäftigt sich im Zusammenhang mit der Biodiversität vor allem mit folgenden Fragen: Wie entsteht Vielfalt und wie viel Vielfalt ist für ihre Erhaltung oder Weiterentwicklung günstig? Welche Auswirkungen hat Vielfalt auf die Funktions- und Anpassungsfähigkeit lebender Systeme wie z.B. Populationen seltener Arten oder Lebensgemeinschaften bestimmter Standorte?

Biodiversitätsforschung ist heute aktuell, weil uns bewusst geworden ist, dass es für eine nachhaltige Entwicklung wichtig ist, die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen zu erhalten. Dazu braucht es Biodiversität. Die dichte Besiedlung und die Intensivierung der Landwirtschaft sowie die Fragmentierung der Landschaft durch Strassenbau wirken sich negativ auf die Biodiversität aus. Trockenrasen, Feuchtgebiete und Auenlandschaften verschwinden. Nur noch im Hochgebirge finden sich Gebiete, die durch uns Menschen wenig beeinflusst werden. Wenn wir Biodiversität als Ressource betrachten, die es zu erhalten gilt, müssen Strategien zu ihrer Erhaltung entwickelt werden. Und um Strategien entwickeln zu können, müssen wir die Mechanismen verstehen, die Biodiversität ermöglichen oder verhindern.

Ein besonders wichtiges Kapitel innerhalb der Biodiversitätsforschung ist die Erhaltung der genetischen Vielfalt. Jede Art - ob bei Pflanzen oder Tieren - ist aus genetisch unterschiedlichen Individuen zusammengesetzt, die sich untereinander fortpflanzen. Je vielfältiger der genetische Pool eines Bestandes ist, desto grösser ist die Chance, dass sich innerhalb des Bestandes Gene (und damit Veranlagungen) finden, die eine Anpassung an veränderte Umweltbedingungen ermöglichen. Je anpassungsfähiger eine Art ist, umso besser kann sie Krankheiten oder sogar Klimaveränderungen überleben. Um diesen genetischen Pool zu erhalten, ist ein Austausch von Genen zwischen verschiedenen Populationen (<sexuellen> Lebensgemeinschaften) einer Art notwendig. Findet dieser Austausch nur unter genetisch ähnlichen Individuen statt, wie dies z. B. in kleinen Beständen der Fall ist, so führt dies zu Inzucht, d.h. zu einem Verlust der genetischen Vielfalt. Der Verlust der genetischen Vielfalt schwächt die Vitalität von Arten und ist ein wichtiger Faktor für das Aussterberisiko. Das Aussterben von Arten führt dann zu einem Rückgang der Artenvielfalt des Ökosystems und kann damit dessen Anpassungsfähigkeit und Stabilität reduzieren.

Die praktische Bedeutung der Biodiversität

Auch für die Landwirtschaft ist Biodiversität zum Thema geworden. Wissenschaftliche Experimente haben z.B. gezeigt, dass Wiesenflächen, die eine grössere Anzahl Pflanzenarten aufweisen, ökologisch leistungsfähiger sind als Flächen mit weniger Arten, d.h. dass z.B. bei vergleichbaren Nährstoffbedingungen der Heuertrag aus artenreichen Wiesen höher ist als auf artenarmen. Je vielfältiger die Vegetation ist, desto besser kann sie die Nährstoffe im Boden sowie Wasser und Licht ausnutzen. Auch auf andere Prozesse hat der Artenreichtum positive Auswirkungen. Bodenprozesse wie z. B. das Nitrat-Rückhaltevermögen oder die Aktivität von Mikroorganismen im Boden werden gefördert.

Für unsere Nahrung werden in der Landwirtschaft vorwiegend auf Hochertrag gezüchtete Nutzpflanzen und -tiere verwendet. Oft sind diese Hochleistungsvarianten anfälliger auf unkontrollierbare Umwelteinflüsse oder fallen neuen Krankheiten zum Opfer. So muss die Züchtung immer wieder auf die genetischen Ressourcen alter Landsorten zurückgreifen, um die Leistungsfähigkeit einer Art zu erhalten. Die Beschränkung auf wenige Sorten sowohl bei den Nutzpflanzen als auch bei den Nutztieren führt dazu, dass viele alte Formen verschwinden, die sehr widerstandsfähig und gut an die regionalen Verhältnisse angepasst sind.

Will man persönlich etwas zur Erhaltung der Biodiversität beitragen, ergeben sich sogar im eigenen Hausgarten Möglichkeiten dazu. Man kann z.B. Pflanzen stehen lassen, die sich von selbst ansiedeln; was bedeutet, dass sie für diesen Standort besonders gut geeignet sind. Man kann bei der Bepflanzung des Gartens einheimische Pflanzen bevorzugen oder Habitate schaffen, die in der ausgeräumten Landschaft selten geworden sind und in denen sich gefährdete Pflanzen- und Tierarten ansiedeln können. Beim Obst und Gemüseanbau haben wir heute auch als Konsumentinnen und Konsumenten wieder die Möglichkeit, auf alte Kultursorten zurückzugreifen. Es gibt in der Schweiz 500 Kirschensorten, für den Erwerbsanbau werden jedoch nur etwa 45 davon genutzt.

von Lilli Strasser und Prof. Dr. Bernhard Schmid, lnstitut für Umweltwissenschaften der Universität Zürich

Quelle

Zeitschrift «Naturwärts»,
30 4/2002
(Freitag, 04. April 2014)
Kategorie: 
Naturgarten - Lebensräume