Bedeutung von Naturgärten für die Biodiversität

Auch wenn kaum Untersuchungen zur Biodiversität von Naturgärten vorliegen, so weisen zahlreiche Beobachtungen darauf hin, dass Naturgärten eine grosse Artenvielfalt beherbergen. Eine im letzten Sommer erhobene Bestandsaufnahme von Glühwürmchen in Arlesheim und Umgebung hat ergeben, dass mindestens zwei Drittel der ermittelten Lebensräume des Grossen Glühwürmchens in naturnah gepflegten Gärten und Anlagen liegen. Nach einer der wenigen wissenschaftlichen Arbeiten zur Biodiversität von Naturgärten - übrigens ein Begriff, der recht unterschiedlich aufgefasst wird - konnten in einem 2600 Quadratmeter grossen Garten im niedersächsischen Osnabrück innerhalb von fünf Jahren 18 verschiedene Säugetiere, 69 Vogelarten (davon 27 Brutvögel), 16 Tagfalter- und 12 Hummelarten nachgewiesen werden, darunter einige seltene und gefährdete Arten der Roten Liste. Diese Vielfalt wird hauptsächlich drei Faktoren zugeschrieben: dem Strukturreichtum des Gartens, dem Vorhandensein kaum begangener Ruhezonen und der Anbindung an weitere, teilweise ebenfalls naturnah bewirtschaftete Freiflächen.

Strukturreichtum

Die Vielfalt an verschiedenartig genutzten und bepflanzten Flächen und an weiteren Kleinstrukturen bietet im Naturgarten Lebensraum für Arten mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen: Gemüse-, Blumen- und Kräuterbeete, Beeren- und Ziersträucher, Obstbäume, Wiesen und Rasen, Hecken; Krautsäume und feuchte Zonen, Bruchsteinmauern, Flächen mit Totholz und aufgeschichtetem Schnittgut, Komposthaufen und Wege werden von jeweils charakteristischen Artengruppen genutzt. Zudem gibt es viele Tiere, die für ihre Entwicklung gleich mehrere solcher Kleinstrukturen benötigen. Das Grüne Heupferd legt seine Eier in den offenen Boden, lebt als Jungtier in der Krautschicht und geht nach abgeschlossener Entwicklung ins Laub von Büschen und Bäumen. Glühwürmchen brauchen wie die Schnecken, von denen sie sich ernähren, nebeneinander warme, besonnte Flächen und schattige, feuchte Stellen, wo sie sich an warmen Sommertagen zurückziehen können. Der Zilpzalp, ein recht häufiger Gartenbewohner, brütet am Boden, die weiblichen Tiere pflegen auch in Bodennähe und der Krautschicht zu jagen, während dagegen die männlichen Vögel als Jagdgebiet und Singwarte Baumkronen bevorzugen.

Ruhezonen

Kaum genutzte und vielleicht auch wenig gepflegte Bereiche spielen als Aufenthaltsraum, Versteck und Nistplatz in einer meist starken Störungen ausgesetzten urbanen Umgebung oft eine wichtige Rolle.

Vernetzung

Die Anbindung an weitere naturnahe Flächen ist für viele Arten wichtig, da ein einzelner Garten als Lebensraum für Vögel, Kröten oder Igel zu klein sein kann und auch für überlebensfähige Populationen von Insekten und anderen Kleintieren nicht unbedingt ausreicht, Zudem erfolgt die Besiedlung von Gärten häufig aus angrenzenden Lebensräumen und entlang von vernetzenden Strukturen. Glühwürmchen etwa breiten sich als Larven aus, zu Fuss, und haben, auch wenn ihnen geeignete Lebensräume geboten würden, kaum Chancen, diese zu erreichen, wenn sie breite Strassen und andere unwirtliche Räume durchqueren müssten.

Um die Bedeutung der Naturgärten für die Biodiversität zu ermessen, muss man sich erst einmal vergegenwärtigen, dass der Siedlungsraum grundsätzlich eine grosse Artenvielfalt aufweist und im Vergleich zu einer ausgeräumten Landschaft gut dasteht. In Naturgärten können immer wieder auch seltene und gefährdete Arten der Roten Liste gefunden werden - die grosse Bedeutung der Naturgärten für die Erhaltung der Biodiversität dürfte aber eher darin liegen, dass sie von einer stattlichen Gruppe von Arten bewohnt werden, die vor nicht allzu langer Zeit noch als Allerweltsarten galten, unterdessen aber wegen ihrer etwas speziellen Ansprüche stark zurückgegangen sind. Die Fachstelle Naturschutz von Grün Stadt Zürich fasst solche Arten in einer „orangen Liste“ zusammen und rechnet über 40 Prozent der in Zürich bekannten Arten dazu, unter anderen Igel, Distelfink, Buntspecht, Blindschleiche, Grasfrosch, Grünes Heupferd, Grosses Glühwürmchen, Zitronenfalter und Schwalbenschwanz. Für die Erhaltung solcher Arten, die nicht zu den Topraritäten zählen, deren Bestände aber teilweise bereits stark erodiert sind, nehmen Naturgärten eine wichtige Funktion ein.

Betrachtet man die aktuelle Entwicklung der Landschaft, die sich durch schnelles Siedlungswachstum, rasanten Bodenverbrauch (landesweit ca. 1 Quadratmeter pro Sekunde) und durch bauliche Verdichtung im Innern der Siedlungen auszeichnet, so gewinnen naturnahe Gärten weiter an Bedeutung. In einer zunehmend urbanisierten Landschaft, wo selbst Spatzen, deren Anzahl in den letzten fünfzehn Jahren im Kanton Zürich um fast die Hälfte geschrumpft ist, langsam Seltenheitsweft haben, bekommen Naturgärten und andere naturnahe Siedlungsflächen einen zentralen Stellenwert für die Erhaltung der Biodiversität.

Die Bedeutung von Naturgärten für die Biodiversität darf also nicht unterschätzt werden. Möglicherweise geben die vielen Meldungen von Glühwürmchen Lebensräumen aus Naturgärten ein verzerrtes Bild wieder, weil Glühwürmchen im Garten einfach eher beobachtet werden als in einer abgelegenen, menschenleeren Waldlichtung. Doch gerade, dass sie eben überhaupt beobachtet werden, sagt etwas über die Menschen aus, die in Naturgärten aktiv sind: sie beobachten. Der Wert der Naturgärten für die Erhaltung der Biodiversität liegt nicht zuletzt in den Gärtnerinnen und Gärtnern. In Naturgärten sind Menschen am Werk, die genau hinschauen, Freude an Entdeckungen haben, Veränderungen wahrnehmen, Neugier entwickeln und sich daran freuen, dass sie die paar Quadratmeter, für die sie verantwortlich sind, mit andern Lebewesen teilen. Solche Menschen tun der Welt gut, nicht nur auf den paar Quadratmetern.

Grünes Heupferd und Grosses Glühwürmchen im Naturgarten: Arten der orangen Liste

Quelle

Zeitschrift «Naturwärts»,
47 1/2007 von Stefan Ineichen
(Donnerstag, 03. April 2014)
Kategorie: 
Naturgarten - Lebensräume