Nutzgarten: Genussvolle Knollen

Von kohlartig bis nussig beschreiben Sortenexperten den Geschmack von Gschwellti. Dass Kartoffelsorten so unterschiedlich schmecken, eröffnet Experimentierfreudigen eine unglaubliche Vielfalt. Voraussetzung für diese Geschmackserlebnisse ist der eigene Anbau.

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Von Marianna Serena

Allein die Stiftung zur Erhaltung von Kulturpflanzensorten Pro Specie Rara pflegt und baut jährlich rund 80 verschiedene Kartoffelsorten an. Neben dem Geschmack unterscheiden sich die Sorten auch in der Fleischkonsistenz, in Anbaueigenschaften, im Ertrag, im Erntezeitpunkt, in der Lagerfähigkeit und nicht zuletzt im Aussehen. Viele Sorten stammen aus einer bestimmten Region der Schweiz, schrieben da Geschichte und sind Teil eines gefährdeten Kulturgutes.

Sechs empfehlenswerte Sorten für den Anbau im Biogarten

_parli_ka-88_0686.jpgDie Marroniartige:‘Parli’
Tiefliegende Augen, rötliche Schale und eine Form wie Tannenzapfen, das sind die äusseren Merkmale der Sorte ‘Parli’. Sie war bereits 1850 in Graubünden zwischen dem Prättigau und dem Safiental verbreitet und auch bekannt unter den Synonymen ‘Vieläugler’, ‘Faveli’, ‘Wiesner’, ‘Rischer’, ‘Hänsler’ oder ‘Tannenzapfen’. Ihren Namen kriegte die ‘Parli’ von einer Maria Parli, von der in einem alten Schulbuch dokumentiert ist, dass sie einst mitsamt ihrer speziellen Kartoffel von Trin nach Mathon umzog. Das Aussergewöhnliche an der Parli’-Kartoffel ist der Gout und die Konsistenz: Sie schmeckt sehr gut und wie Marroni. Das Fleisch ist eher trocken, aber kompakt und nicht zerfallend. ‘Parli’ eignet sich hervorragend für Gschwellti, Gnocchi und Maluns. Die Knollen mit den tiefliegenden Augen werden idealerweise zuerst gekocht und dann geschält. ‘Parli’ ist robust im Anbau und mittelmässig ertragreich.

_fruehepraettigauer-ka_201_0797.jpgDie Frühe: ‘Prättigauer’
Wir bleiben im Bündnerland: Die ‘Frühe Prättigau’ ist eine fein schmeckende Frühkartoffel, die sich bestens für Kartoffelstock, Rösti und Gschwellti eignet (Kochtyp B). Ihre Schale ist so fein, dass sie man sie auch ungeschält essen kann. Traditionell wuchs diese Sorte auf sandigen, trockenen Böden auf 960 m ü. M. Die Knollen sind hellbraun, länglich und mausförmig mit weissem Fleisch.

 

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Die Rote: ‘Safier’
Diese Lokalsorte war sowohl im Bündnerland als auch im Wallis bekannt, dort unter dem Namen ‘Rote Lötschentaler’. Die runden, kleinen Knollen haben eine dunkle, rötliche Schale und weisses Fleisch mit leicht mehlig kochender Konsistenz. Sie eignen sich ausgezeichnet für Rösti. Im Anbau ist die ‘Safier’ nur gering anfällig auf Krautfäule und gedeiht auch gut in feuchten Lagen.

 

_patrones_0371.jpgDie Nussige: ‘Patrones’
Das Aroma dieser geschmacksintensiven Sorte wird als nussig gelobt. Wird sie als Bratkartoffel zubereitet, entwickelt es sich vorzüglich. In der Kultur ist ‘Patrones’ einfach: Die Sorte ist trockenheitsresistent, ziemlich widerstandsfähig gegen Knollenfäule und sehr ertragreich. Gezüchtet wurde die ‘Patrones’ in den 1950er-Jahren in Holland, unter anderem aus der bekannten Sorte Bintje’.

 

_achtwochennuedeli_ka-38_0680.jpgDie Aromatische: ‘Acht-Wochen-Nüdeli’
Ein eigenwilliger Name, ‘Acht-Wochen- Nüdeli’. Je nach Region wurde diese Frühsorte unbekannten Ursprungs auch ‘Ratte’, ‘Müsli’ oder ‘Virgule Béroche’ genannt. Die langen, gebogenen Knollen schmecken herrlich aromatisch und lassen sich zu schmackhaften Bratkartoffeln oder Kartoffelsalat verarbeiten (fest kochende Sorte). Dies im Sommer und möglichst direkt aus der Erde, denn die ‘Acht-Wochen-Nüdeli’ lassen sich nicht gut lagern und werden, einmal geerntet, schon bald grün. Im Anbau hat sich diese Frühsorte in Berglagen bewährt, in wärmeren Gegenden baut man sie besser nur da an, wo kein hoher Krankheitsdruck der Kraut- und Knollenfäule bekannt ist.

_cornedegatte_ka_601_0864.jpgDie Delikate: ‘Corne de gatte’
Als Delikatesse hoch im Kurs ist diese ursprünglich belgische Sorte aufgrund ihrer festen, zart schmelzenden Konsistenz und ihrem nussigen Aroma. Die länglichen Knollen mit der glatten, rötlich gescheckten Schale haben tiefliegende Augen. Leider ist der Ertrag nicht allzu hoch, die delikate Feine muss man sich verdienen.

 

Kartoffeln anbauen: So wird’s gemacht
Auf 600 m ü. M. pflanze ich die Kartoffeln Ende April in den bereits etwas aufgewärmten Frühjahrsboden. In höheren Lagen erfolgt die Pflanzung später. Ein Sprichwort aus Österreich besagt: «Setzt mi im April, kimm i, wann i will, setzt mi im Mai, kimm i glei.» Kartoffeln  hinterlassen einen lockeren und garen Boden. Deshalb eignen sie sich hervorragend für einen frisch angelegten Garten, da, wo vorher Rasen oder Wiese war. Wer den Boden mit reifem Mist und Kompost versorgt, steigert die Ernte. Kartoffeln gedeihen aber auch in kargen Böden.

Vorkeimen und pflanzen
Etwa 4 Wochen vor der Pflanzung hole ich das Pflanzgut aus dem Keller und stelle es zum Vorkeimen bei 10 bis 15 °C ans Licht. Dabei liegen die Knollen einlagig in Kisten, so dass ich sie für die spätere Pflanzung ohne anzurühren in den Garten transportieren kann, denn die feinen Keime, die bis dahin aus den Kartoffeln wachsen, brechen schnell. Pro Gartenbeet ziehe ich zwei tiefe Reihen im Abstand von 50 bis 70 cm, lege die Knollen 30 bis 35 cm voneinander entfernt hinein und decke sie mit Erde zu. Steht das Kartoffellaub 20 cm hoch, ziehe ich die Furchen ganz zu. Eine andere Variante ist, die Knollen flacher zu setzen und später die Reihen anzuhäufeln. Aus dem Stängel wachsen so nochmals Stolonen, die weitere Kartoffelknollen bilden.

Wässern und schützen
Als letzten Sommer der Regen ausblieb, dachte ich: «Die Bauern wässern ihre Kartoffelfelder auch nicht, also lass ich es bleiben.» Weit gefehlt! Die Kartoffelpflanzen stellten ihr Wachstum ein, die Knollen ebenfalls, das Resultat: eine magere Ernte. Die Erfahrung lehrt mich: Ist es wirklich trocken und heiss, sollte man auch die Kartoffeln giessen. Am besten mit der Giesskanne in den Wurzelbereich. Auf nassen Blättern keimen die Sporen der Kraut- und Knollenfäule. Gute Erfahrungen habe ich mit einer Nebenpflanzung von Phacelia gegen Kartoffelkäfer gemacht. Sie vertreiben die Käfer durch ihren Duft.

Ernten und lagern
Frühsorten werden ab Juli geerntet, Lagersorten erst zwei Wochen nachdem das Laub vollständig eingezogen wurde. Dies ist etwa Ende August/Anfang September der Fall. Ernten darf ich nur bei trockenem Boden. Dann lasse ich die Knollen noch etwas abtrocknen, bevor die Kartoffeln ungewaschen in den Keller kommen oder gleich in die Küche wandern. Damit ich im kommenden Frühling von den seltenen Kartoffelsorten mein eigenes Pflanzgut habe, sortiere ich gleich einige mittelgrosse Knollen heraus und lagere sie separat, trocken und dunkel im Keller.

Weitere Informationen: www.prospecierara.ch

Fotos: Franca Pedrazzetti, Beat Brechbühl

Quelle

Zeitschrift «Bioterra»,
April 2016
(Samstag, 02. April 2016)
Kategorie: 
Gemüse - Mischkulturen