Gartenpraxis Giessen

Giesse ich zu viel oder zu wenig? Giesse ich Tomaten gleich wie die Blumen? Wann soll ich giessen? Und mögen meine Pflanzen warmes oder kaltes Wasser? Wichtiges und Witziges rund ums Bewässern von A bis Z. Von Jochen Elbs-Glatz

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Angiessen
ist die wichtigste Giessarbeit im Pflanzenleben und erfordert Augenmass und Zuwendung. Beim Angiessen werden Setzlingswurzeln und Erde lückenlos miteinander verbunden. 

Bewässerungsanlagen
sind ein Segen und entlasten von der Giessarbeit, wenn sie gut funktionieren. Zum Ärger werden sie, wenn sie nicht richtig arbeiten, dann findet man nach dem Urlaub nur noch Gedörrtes oder einen Sumpf vor.

Brennglaseffekt
wurde als Gartenlegende entlarvt. Ein Wassertropfen kann Sonnenstrahlen nicht so unter sich bündeln, dass es zu Verbrennungen auf der Blattoberfläche kommt. Und wenn, würde er sie durch die eigene Verdunstung gleich wieder kühlen. Giessen Sie also, wenn es die Pflanzen brauchen, egal ob die Sonne scheint oder nicht. Besser aber an der Bodenoberfläche und nicht über die Blätter.

Chantepleure 
ist ein Giesskrug aus Ton. Am Boden durchlöchert, oben mit einem kleinen Loch für den Daumen, diente er im Mittelalter als Giessgerät, mit dem sich, wie mit der Giesskanne Wasser in Tropfen zu den Pflanzen bringen liess. Weil es doch nicht ganz so dicht hält, bringt man das Wasser im Eimer mit. Daumen drauf gibt Unterdruck, Daumen weg, das Wasser fliesst durch die Siebplatte aus.

Drainage
und Abfluss sind für Pflanzen, besonders in Töpfen und Kübeln, fast genauso wichtig wie die Wasserzufuhr. Was reinkommt, muss auch wieder weg können. Mit im Unterteller ersoffenen Stinkefüssen blüht keine Pflanze gern.

Einschlämmen
ist für wurzelnackte Rosen und Gehölze der Beginn langen Wachstums und Gedeihens. Einmal darf richtig «gegötschelt» werden. Das Bodenleben stellt die Bodenstruktur bald wieder her. 

Giesskannen 
waren früher rund. Zum Giessen brauchte man zwei Hände. Monsieur Bonne-Boytard machte 1840 die ovale Kanne mit Längsbügel bekannt. Sie kann einhändig bedient und auch leichter getragen werden, weil sie schmaler ist. Die Schneiderkanne ist das bekannteste Modell, früher erhältlich von 2 bis 20 l!

Hacken
setzt die Verdunstung herab, indem es mit einer Schicht feinkrümeliger Erde «mulcht». Die Kapillaren, in denen das Wasser aus dem Boden aufsteigt, werden unterbrochen; das Wasser bleibt im Boden. Einmal hacken ersetzt zweimal giessen! Wo Mäuse wüten, ist das Hacken dem Mulchen vorzuziehen.

Indirekte Bewässerung
empfiehlt sich bei Tomaten. Sie sollten nicht mit Giesswasser bespritzt werden. Vergräbt man neben der Tomate einen Tontopf und giesst da hinein, kann sich das Wasser erwärmen und direkt zu den Wurzeln vordringen.

Jäten
verringert die Konkurrenz ums Wasser, deshalb sind Olivenhaine oft radikal ausgeräumt. Bei uns muss man zwischen Wasserkonkurrenz und Verdunstungsschutz abwägen. Mulch ist aber besser als Beikrautrasen.

Kaltes Wasser 
galt lange Zeit als schädlich für Pflanzen. Seit man davon abkam, mit abgestandenem Wasser kannenweise zu giessen und stattdessen den Schlauch direkt zu nutzen, sind diese Bedenken verflogen.

Leitungswasser
ist meist auch kalt, darum gilt, was bei kaltem Wasser steht.

Mulch
verhindert Verdunstung. Unter dem Mulch bleibt die Erde gleichmässig feucht. Durch den Mulch wird das Verschlämmen der Erdoberfläche verhindert, das Lockern nach dem Giessen entfällt. Manchmal lockt Mulch Mäuse an und beherbergt allzu viele Schnecken. Da hilft Hacken.

Nachhaltigkeit
lässt sich auch beim Giessen praktizieren. Es ist besser, alle paar Tage gründlich und durchdringend zu giessen, als täglich oberflächlich zu spritzen. Pflanzen folgen mit ihren Wurzeln dem Wasser. In die Tiefe, wenn es nur noch dort zu finden ist, an die Oberfläche, wenn es dort dauernd vorhanden ist. Geht nun der Dauerspritzer in die Ferien, trocknet die Oberfläche aus und die Pflanzen verdursten.

Pflanzenschutz
aktiv und ganz ungiftig ist das Duschen von Pflanzen gegen Läuse und Raupen. Das Abspritzen mit dem Schlauch fängt den gärtnerischen Aktivismus auf. Die Pflanzen werden gründlich gewässert. So ist der ganzen Gartengemeinschaft geholfen.

Quantität
des Giesswassers reicht von wenigen Dezilitern bei kleinen Setzlingen bis zu etlichen Hektolitern bei grossen Bäumen. Meist ist etwas mehr auch etwas besser.

Rinnsal
aus dem Schlauch ist die ideale Bewässerungsmethode für einge-wachsene Gehölze. An der Oberfläche sieht man fast nichts, unterirdisch bildet sich ein grosser Wasservorrat. Den Schlauch 2 bis 3 Stunden «süfern» zu lassen, ist nie zu viel. Wer es ganz genau wissen will, lässt ein Gefäss volllaufen und vervielfacht die Zeit, bis das gewünschte Wasservolumen erreicht ist.

Rasensprenger
ist ein Gerät, das verschwenderisch mit Wasser umgeht, weil es viel davon gleich wieder verdunstet. Unbedingt mit einem Regenmesser anwenden. Mit mindestens 50 mm beregnen, bis die Graswurzeln gründlich durchnässt sind. Ganz ungeeignet für Gemüse- und Staudenbeete.

Standen
sind grosse Bottiche aus Zinkblech oder anderem Material, in denen sich Leitungs- oder Regenwasser bis zur Verwendung als Giesswasser erwärmen und abstehen kann. Heute selten! Gegen Mückenlarven hilft 1 Solbac-Tablette pro Stande zuverlässig. 

Tau
trägt viel mehr zur Bodenbefeuchtung bei, als man denkt.

Tomaten
in Töpfen geraten zwischen den Giesszeiten oft in Not. Dagegen hilft eine wassergefüllte Glasflasche, kopfüber in die Erde gesteckt. Trocknet die Erde aus, kommt Luft in die Flasche und Wasser fliesst aus. Magnumflaschen haben sich gut bewährt, weil kleinere zu klein und grössere zu schwer sind.

Unbedingt
und mit aller Macht nur morgens oder abends zu wässern, ist nicht nötig. Am wichtigsten ist, den Pflanzen genug Wasser zu liefern und den Boden gut zu durchtränken. Abends gegossen, haben die Pflanzen länger Zeit, sich zu erholen. Leider kommen auf dem nassen Boden auch die Schnecken leichter voran. Morgens gegossen, starten die Pflanzen frisch in den Tag, doch ein Teil des Giesswassers verdunstet in der Morgensonne, ehe es in den Boden eindringt. Pilzsporen haben morgens kaum eine Chance, zu keimen, weil die Blätter schneller abtrocknen.

Winterwässern
ist die Rettung für Immergrüne. Grüne Blätter und Nadeln verdunsten auch im Winter Wasser. Damit es nicht zur Frosttrocknis kommt, muss in frostfreien Phasen gegossen werden.

Xenophile
Gärtner lieben fremde Pflanzen und holen sie aus aller Welt zu uns. Diese Pflanzen haben ganz unterschiedliche Ansprüche, auch im Wasserbedarf. Manchmal bricht ein Exot aus und wird zum Neophyten. Das macht dann manche Gärtner ziemlich xenophob.

Zerstäuben
ist die feinste Art, Wasser zu verteilen. Sie wird bei der Nebelvermehrung, beim Gemüse auf dem Wochenmarkt und oft automatisch im Supermarkt angewendet. Wer es nobel will, verleiht so seinem Garten kurz vor dem Gartenfest ein taufrisches Aussehen.

Illustration: Corinna Staffe

Quelle

Zeitschrift «Bioterra»,
Juli/August 2015
(Mittwoch, 01. Juli 2015)
Kategorie: 
Gartenpraxis