Handwerkliche Zeitzeugen

Wer Qualitätswerkzeug für den Garten sucht oder eine Hippe, wie sie der Grossvater hatte, der wird im deutschen Ofterdingen bei Sylvia Bauer und Peter Menzel fündig.

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«Antiquités» steht auf dem Schild über der Türe von «Blickfang: Alte Zeiten». Der Laden im deutschen Ofterdingen südlich von Tübingen ist eine Schatzkammer für altes und neues Gartenwerkzeug. Schmiedeeisern Garten-zaunteile, Zinkwannen, Emaille-Eimer, Gartenstühle und -tische reihen sich dicht an dicht im Vorhof, auf den ein grosser Raum folgt mit antiken Preziosen: Das Reich der beiden Sammler Sylvia Bauer und Peter Menzel.

Sonnenstrahlen blitzen durch alters-trübe Sprossenfenster und lassen die Gewänder alter gusseiserner und tönerner Gartenzwerge aufleuchten. Sie stehen inmitten von Gartenscheren, Schaufeln, Hacken, Spaten und Körben. Jedes Stück ist liebevoll geputzt, geölt, gepflegt. Zu fast jedem Gerät können Sylvia Bauer und Peter Menzel eine Geschichte erzählen. Kennengelernt haben sie sich während des Archäologiestudiums. Die beiden Kulturwissenschaftler merkten bald, dass ihr Herz nicht antiken Grabfunden und Tonscherben, sondern dem alten heimatlichen Handwerk und den dazu benötigten Gerätschaften gehört. Die Freude an alten Dingen, gepaart mit einer Portion Sammelleidenschaft, führte schliesslich 1997 zur Eröffnung des Ladens. Passend zum Angebot befindet sich die Lokalität in einer ehemaligen Stielfabrik, in der seit der Jahrhundertwende Hacken- und Schaufelstiele hergestellt wurden.

Heute beherbergen die Räume sorgfältig restaurierte alte Gartengeräte und solche, die noch auf fachmännische Bearbeitung warten. Bei der Restaurierung wird Wert darauf gelegt, jedes Stück, soweit möglich, wieder funktional auf Vordermann zu bringen. Gleichzeitig sollen Patina und sichtbare Gebrauchsspuren erhalten bleiben, um die Geschichte zu bewahren. Als Kulturwissenschaftler gestalten Sylvia Bauer und Peter Menzel auch Ausstellungen und Museen; sie widmen sich auf vielfältige Art und Weise den Aspekten der Volks- und Gartenkultur. Deshalb findet man in ihrem Gartenkulturversand auch aktuelle Gartengeräte der renommiertesten und traditionsreichsten Manufakturen aus England, Holland und Deutschland. Die hervorragende Verarbeitung und zeitlose Form sind Garantie für Langlebigkeit. Den Anspruch, den die beiden an neue Geräte stellen, bringt Peter Menzel auf den Punkt: «Sie müssen so gut sein wie die alten, denn wir wollen hier die Antiquitäten von morgen verkaufen.» Das enorme Wissen von Menzel und Bauer basiert auf der gelebten Erfahrung der Leute, die diese Geräte benutzten. Literatur zu diesem Thema gibt es kaum; die Bücher darüber kann man an einer Hand abzählen.

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Vom Zauber alter Gartengeräte 

Gartenarbeit ist nichts ohne gutes Werkzeug. Der Reiz alter Gartengeräte ist untrennbar mit dem Handwerk des Gärtners verbunden: Sie sind sozusagen die Verlängerung der eigenen Hand. Sie dienen zum Schneiden von Bäumen und Sträuchern; Erde wird umgegraben, Pflanzen lassen sich anziehen, setzen und giessen, Samen säen und Wildkräuter jäten. Früher kaufte man solide gearbeitete Gartengeräte, die oft ein Leben lang halten mussten. Aber alte Gartengeräte sind nicht nur qualitätsvoll gearbeitet, sondern zumeist auch bis ins Detail schön gestaltet. Zur Grundausstattung an Gartengeräten gehörte immer auch ein Spaten, mit dem die Erde umgebrochen wurde. Anfänglich bestand ein Spaten ganz aus Holz, später verstärkte man ihn mit Metall. Das Gerät, wie wir es heute noch kennen, mit Metallblatt und Holzstiel, veränderte sich über die Jahrhunderte kaum. Peter Menzel zeigt verschiedene Spatenmodelle und erläutert: «Man sieht dem Spaten an, aus welcher Gegend er stammt, denn Spaten für steinigen, harten Lehmboden sind viel robuster gebaut als Spaten für leichten Sandboden.» Hacke, Grabgabel und Pickel waren weitere Geräte für die Bodenbearbeitung. Mit Harken, zunächst aus Holz und später aus Metall, wurde der Boden geglättet oder Laub und Gemähtes zusammengenommen. Setzhölzer stellten die Gärtner früher oft selbst her. Verwendet wurden Äste mit unterschiedlichem Durchmesser oder noch intakte Stiele zerbrochener Gartenwerkzeuge. Spätere Modelle zeigen mit Blech verstärkte Spitzen. Haspeln zum Aufwickeln von Gartenschnur wurden oft vom Dorfschmied hergestellt. Mit ihnen konnten Saatrillen und Pflanzungen gerade ausgerichtet und Wegränder ausgesteckt werden. Diese Haspeln zeigen oft eindrucksvolle grafische Formen. Mit Pflanzkellen grub man Löcher, um Pflanzen zu setzen, oder benutzte sie, um Pflanzen aus Töpfen zu heben. Oft ist das Blatt zugespitzt oder wie die Topfwand gekrümmt. Die verschiedenen Modelle weisen teils ungewöhnliche Formen auf, mal sind sie
löffelartig geformt, mal länglich, herzförmig oder spatenähnlich. Ein weiteres wichtiges Gärtnerutensil sind von jeher Tontöpfe, die man ineinanderstecken kann. Diese gibt es in verschiedenen Grössen und Formen, mal mit verstärktem Rand, mal ohne. Ihre unterschiedlichen Farben bekamen sie durch die verschiedenfarbigen Tonerden.  

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Die gute Schneiderkanne

Ein besonderes Sammelobjekt der beiden Ofterdinger sind Zinkgiesskannen der Firma Schneider, die als Inbegriff der nostalgischen Metall-Giesskannen gelten. Peter Menzel bezeichnet sie als «Rolls-Royce» unter den Giesskannen. Diese vollverzinkten Kannen wurden von 1876 bis 1989 in Stuttgart Feuerbach von der Firma Schneider produziert. Da sich die Kannen im Verlauf der Jahrzehnte sowohl formal veränderten als auch in zahlreichen Grössenvaria-tionen und Spezialformen hergestellt wurden, avancierten sie zu einem begehrten Sammelobjekt. Die ältesten Kannen tragen ovale Messingmarken, die zirka ab 1910 in das Stahlblech eingeprägt worden sind. Besonders gesucht bei Sammlern sind alte Kannen in ausgefallenen Grössen. Obwohl für die schmucken Stücke heute viel Geld ausgegeben wird, gehören sie keineswegs zu den ältesten Gartenutensilien. Hippen beispielsweise kannten bereits die Kelten.

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Sichelförmige Hippen

Die Hippe ist das Lieblingswerkzeug von Sylvia Bauer, weil der Holzgriff so gut in der Hand liegt und ihre bis heute unveränderte Form so praktisch ist. Die Hippe ist ein kleines Messer, das je nach Grösse und Ausführung zu unterschiedlichen Arbeiten in der Land- und Waldwirtschaft, im Wein- und Gartenbau verwendet wurde. Typisch ist die sichelförmig geschwungene Klinge mit einer mehr oder weniger nach unten gebogenen Spitze. Peter Menzel legt eine Auswahl von Hippen auf einen alten Weidenkorb. Bei den ältesten Exemplaren sieht man, dass das Metallteil durch den Holzgriff gesteckt und unten umgebogen wurde. Peter Menzel nimmt eine Hippe in die Hand und zeigt auf den geraden Rücken. «Diese etwas eigene Form haben die Hippen, weil man damit in Gegenden mit lehmigem Boden das Werkzeug putzte.» Mit dem Feuerstein seien auf dem Rücken Funken erzeugt worden, um ein Feuer für die Vesper zu entfachen. «Das habe ich von einem alten Weingärtner gelernt, so was steht in keinem Geschichtsbuch.»

 

 

 

Quelle

Zeitschrift «Bioterra»,
Jan./Feb. 2015
(Samstag, 03. Januar 2015)
Kategorie: 
Gartengeräte