Winterlicher Genuss in Töpfen

Rechtzeitig ausgesät und geschickt platziert, können frische Kräuter und Pflücksalate den ganzen Winter über vom Balkon geerntet werden.

Von Silvia Meister
Das wärmere Kleinklima des Balkons ist seine grosse Chance. Es erlaubt eine vielfältige und lang anhaltende Kultur von feinen, aromatischen Kräutern und Pflücksalaten – eine Bereicherung für die winterliche Menükarte. Mit wenig Aufwand eingepackt, bleibt die aromatische Pracht in den Pflanzgefässen auch vor anhaltend frostigen Zeiten oder zu viel Nässe geschützt.

AROMATISCHE BÜSCHEL

Anspruchslos und ohne zusätzliche Düngung gedeihen Hirschhornwegerich Plantago coronopus und Wilde Rauke Diplotaxis tenuifolia. Die aus Italien stammenden Pflücksalate ziehen, kaum eingewachsen, auf eigene Faust los und entdecken Plattenfugen und stille Ecken als neuen Lebensraum. Wer diesen Stil mag, lässt sie blühen und sich selbst aussäen, denn beide sind äusserst frosthart und robust. Hirschhornwegerich ist ein- bis zweijährig, das heisst, er überwintert als Büschel, blüht und stirbt ab, ganz im Gegensatz zu seiner Kollegin, der Wilden Rauke. Diese ist mehrjährig, blüht und treibt immer wieder neue Blätter. Beide Salate schmecken würzig und herb. Wer es lieber etwas delikater möchte, zieht den einjährigen Rucola Eruca sativa. Er ist etwas empfindlicher und braucht Schutz unter der Vlieshaube. Alle drei werden Anfang September ein bis zwei Zentimeter tief ausgesät.

EIGENWILLIGE ZWILLINGE

Sie sehen täuschend ähnlich aus und haben ähnliche Vorlieben: Glattblättrige Petersilie Petroselinum crispum und Schnittsellerie Apium graveolens var. secalinum. Nur ihr unterschiedlicher, würziger Geschmack ist unverkennbar. Diese eigenwilligen Zwillinge brauchen tiefe Töpfe für ihre langen Wurzeln und lieben nährstoffreichen, genügend feuchten Boden. Für eine frische Winterernte braucht man junge Pflanzen: Entweder werden sie bis Mitte September knapp mit einem Zentimeter Erde bedeckt ausgesät oder man kauft Jungpflanzen – oder der ältere Bestand wird verjüngt, indem er Mitte September radikal zurückgeschnitten wird. Wenn es wirklich anhaltend frostig wird, kommen beide unter die Haube.

SCHARFE MUNTERMACHER

In Asien schon seit Jahrtausenden in vielen verschiedenen Typen angebaut, kam der Blattsenf Brassica juncea erst spät mit der Sorte ‘Green in Snow’ zu uns. Sie ist schnell wachsend und sehr winterhart. Die rote Sorte ‘Rouge Metis’ hat äusserst attraktive, tief geschlitzte Blätter. Bei allen rotblättrigen Blattsenfsorten gilt: je kälter die Temperaturen und je sonniger der Stand, umso rötlicher werden sie. Verschiedene Blattsenfsorten befinden sich in Samenmischungen, wie beispielsweise in der Asia-Mischung Brassica rapa var. japonica. Sie enthält neben Mizuna die grossblättrige Blattsenfsorte ‘Red Giant’ sowie ‘Green in Snow’. Alle Senfblattsorten haben einen mehr oder weniger scharfen Senfgeschmack, je jünger das Blatt, umso milder. Am schärfsten sind sie bei trockener Kultivierung, kurz vor der Blüte oder wenn sie mit wenig Nährstoffen auskommen müssen. Ende September wird Blattsenf einen bis zwei Zentimeter tief gesät, erhält nach dem Auflaufen eine Handvoll Kompost, wenig Langzeitdünger und wird stets feucht gehalten.

Barbarakraut Barbarea vulgaris ist die einheimische Verwandte des Blattsenfs, beide gehören zur Familie der Kreuzblütler. Sie bewohnt feuchte, nährstoffreiche Stellen entlang von Flüssen und wird deshalb wie der Blattsenf kultiviert. Sie heisst auch Winterkresse – was ihren pikanten Geschmack treffend beschreibt. Barbarakraut gedeiht etwas langsamer als Blattsenf und wird Anfang September ausgesät, dabei werden die Samen nur fünf Millimeter mit Erde gedeckt. Beide würzigen Muntermacher blühen im kommenden Mai/ Juni und verschenken massenhaft schmackhafte Blüten!

KALTKEIMER WINTERPORTULAK

Der aus dem nördlichsten Amerika stammende Winterportulak Claytonia perfoliata ist anspruchslos, ergiebig zum Ernten und vollkommen winterfest. Er ist so perfekt an kaltes Klima angepasst, dass er bei Temperaturen über 12°C gar nicht keimt. Was tun, wenn es zur Saatzeit im September immer noch angenehm warm ist? Feuchten Sand in ein Konfiglas füllen, die benötigte Menge Samen hineinstreuen, Glas verschliessen, kräftig schütteln und in den Kühlschrank stellen. Nach circa einer Woche werden die gekeimten Samen mitsamt dem Sand ins Balkonkistchen gesät, hauchdünn mit Erde bedeckt und gut angedrückt. Wird Winterportulak nicht regelmässig geerntet, wachsen nicht die Blätter, sondern die Stiele. Die Blättchen eignen sich für den Salat, die sattgrünen Stiele werden kurz blanchiert und als grüne Spaghetti serviert. Im März zeigen sich seine kleinen, weissen Blüten, die als Salatbeigabe ebenfalls sehr fein schmecken. So bleibt vom Winterportulak zu guter Letzt nichts mehr übrig!

RICHTIG SÄEN

Alle erwähnten Pflücksalate und Kräuter werden in kleinen Tuffs von fünf bis sieben Samen für einen 40 Zentimeter breiten Topf eingesät oder einzeln neben vorhandene Pflanzen hinzu gestupst. Ernten kann man ab Mitte Dezember in einer Blatthöhe von sieben bis zehn Zentimetern. Dabei jeweils nur die äusseren Blätter mitsamt ihrem Stiel pflücken und das Herz schonen. Grund: die innersten, jüngsten Blätter sind am frosthärtesten und es gibt fortlaufend Nachwuchs. Das Ernten mitsamt Blattstiel verhindert Fäulnisbildung.

KÄLTESCHUTZ

Unter einer luftigen Vliesabdeckung bleiben Pflücksalat, Gemüse und Kräuter den ganzen Winter über beerntbar. Ohne Haube unterbrechen die Pflanzen ihr Wachstum im Januar und Februar und sind ab März wieder erntebereit. An einer Hauswand platziert und vor der Bise geschützt, genügt meist eine Schicht Gartenvlies. Drohen Temperaturen unter -8°C , wird die Schutzhülle verdoppelt. Für ein rechteckiges Pflanzgefäss wird die Haube mit Bambusstäben als Stützen und einem Gitter als Dach gebastelt. Dabei werden die Bambusstäbe in die Erde gesteckt und das Gitter mit Gummibändern befestigt. Beim runden Topf lässt sich mit den Bambusstäben ein Zelt formen. Unten zugeschnürt und längs mit Wäscheklammern zugeklemmt, kann man die Haube einfach öffnen. Sie hält auch garstigem Wetter stand. Wichtig: Gefrorene Salate und Kräuter nicht ernten, warten, bis sie aufgetaut sind. Sie überstehen einige Frostperioden problemlos. Beim Giessen die Pflanzen nicht benetzen, da sie sonst faulen.

Alle erwähnten Samen gibt es von Sativa. Sie können über den Bioterra-Shop bestellt werden.

Quelle

Zeitschrift «Bioterra»,
Sept./Okt. 2019
(Dienstag, 03. September 2019)
Kategorie: 
Balkon - Terrasse
Kulinarisches aus dem Garten