Sogar das Jäten macht Spass - NZZ vom 1.10.2014

1. Oktober 2014 | Gartenkind, Medienspiegel, Schweiz | |

Wie lange dauert es, bis man Zucchetti ernten kann? Was tun Engerlinge? Wie sieht ein blühender Salat aus? Das Schweizer Projekt Gartenkind bringt Schülern die Natur näher; sie betreuen eine Saison lang ihr eigenes Beet.

«Schau mal, wie fett die sind!», ruft der 11-jährige Alex aus, als er einen Blick in die Becherlupe wirft, die er in der Hand hält. Im durchsichtigen Behälter räkeln sich weisse, fingergrosse Rosenkäferlarven; die trägen, wulstigen Körper sorgen bei den Kindern für Erstaunen, kaum für Ekel. Vor wenigen Minuten noch lagen die Larven gut verborgen im Kompost. Doch mittlerweile haben die 7- bis 11-jährigen Schülerinnen und Schüler gemerkt, dass eine solche «Gartentorte» voller Leben steckt. Da kommen beim Umgraben mit der Gabel Eier von Ameisen und von Schnecken, Kellerasseln, Spinnen und Steinläufer zum Vorschein.

Mit dem Gärtnern, zu dem auch der Umgang mit dem Kompost gehört, sind bereits alle Kinder bestens vertraut. Seit dem März besuchen sie in ihrer Freizeit einmal pro Woche einen Gartenkurs, der auf dem Gelände der Primarschule Weinfelden stattfindet.

Das Projekt «Gartenkind» ist im Frühjahr vom Verein Infoklick, der sich der Kinder- und Jugendförderung widmet, an zehn Orten in der Schweiz lanciert worden. Überall haben die Kinder ein eigenes Beet bekommen, für das sie bis im Herbst die Verantwortung tragen. Dazu gehören das Aussäen wie das Jäten, das Ernten wie das Giessen.

Pascal Pauli, Initiator des Projekts, geht es aber nicht darum, die Kleinen zu tadellosen Gärtnern zu erziehen. «Durch das Bepflanzen und Pflegen ihres eigenes Beets lernen die Kinder den Kreislauf und die Zusammenhänge der Natur kennen», sagt Pauli. Voller Stolz würden die Schülerinnen und Schüler dann die prallgefüllten Taschen mit ihrer Ernte nach Hause nehmen. Für Pauli jedoch ist der Ertrag nicht mehr als ein schönes Nebenprodukt des Kurses. Wichtiger ist ihm, dass die Kinder erfahren, wie viel es braucht und wie lange es dauert, bis ein Nahrungsmittel herangewachsen ist und zu Hause zum Verzehr auf den Tisch kommt.

Angebot mehr als verdoppeln

Der fehlende Bezug zur Natur, den er bei Jugendlichen in einem Arbeitsintegrationsprojekt feststellte, war es denn auch, der den 32-Jährigen auf die Idee brachte, das Projekt «Gartenkind» ins Leben zu rufen. Während in der Stadt Zürich mit 23 Schülergärten und rund 600 beteiligten Kindern seit Jahrzehnten bereits ein nahezu identisches Projekt existiert, will Pauli dieses Freizeitangebot nun in der ganzen Schweiz etablieren.

Nach der ersten Saison, die mit dem Herbst nun allmählich zu Ende geht, zieht er eine erfreuliche Bilanz. Nicht nur, dass an den bestehenden zehn Standorten die Kurse im Frühjahr fortgesetzt werden können. Aufgrund des positiven Echos und der hohen Nachfrage werden auch zwischen 15 und 20 weitere Gärten hinzukommen. Zudem sei es gelungen, genügend freiwillige Erwachsene zu finden, welche sich in den Gruppen als Helfer beteiligen. «Voraussetzung ist, dass man das Gärtnern ebenso mag wie die Zusammenarbeit mit Kindern», sagt Pauli, der eine Ausbildung im Biolandbau absolviert hat. Finanziell unterstützen bis 2016 vier verschiedene Stiftungen das Projekt, fachlich begleitet wird es von Bioterra als Organisation für biologisches Gärtnern.

Frische Bohnen und Mais

Die 10-jährige Michelle schneidet den Schnittlauch auf ihrem Beet und legt ihn sorgfältig in die bereitgelegte Erntetasche. Sie ist nicht nur während des Kurstages hier anzutreffen. «Um Wasser zu geben und zu schauen, ob es etwas zu ernten gibt, komme ich auch an den Sonntagen vorbei», sagt sie.

An den Erdbeeren im Juni habe sie besonders Freude gehabt, und eigentlich jäte sie auch gerne. «Dann sehe ich, wie die Pflanzen nach unten wachsen und dort aussehen.» Die 8-jährige Gjeneta hingegen findet das Jäten eher anstrengend. Dafür mag sie es, wenn ihre Mutter aus ihren mitgebrachten Bohnen eine schmackhafte Suppe kocht, und überhaupt: «Ich liebe Gemüse!» «Stimmt», pflichtet der 8-jährige Silvan bei, «selbstgemacht schmeckt einfach besser», sagt er und beisst herzhaft in seinen frisch gepflückten Maiskolben.

Der Artikel von Susanne Ellner ist am 1. Oktober in der NZZ erschienen.