S t a d t g a r t e n Ab und zu setzt sich Andrea auch an den Gartentisch, um zu lesen. Stillsitzen kann sie aber nie lange. «Ich spürte von Beginn an, dass ich keine Gemüsegärtnerin bin. Ich bin eine Wilde.» Rosen, Kräutern und Stauden, eine Oase für Insekten, Vögel und Igel mitten in der Stadt. Und mit seinen Sitz- plätzchen für jede Tageszeit auch ein Ort zum Ausruhen, Beobachten und Innehalten. Wilde Ordnung statt Selbstversorgung Das war nicht immer so. Als Andrea Meyer und René Schafer ihn Anfang der 2000er-Jahre zusammen mit der Mietwohnung übernehmen konnten, hatte der Garten viele Jahre lang in erster Linie der Selbstversorgung gedient: «Es war ein säuberlich gejäteter Nutzgarten mit schnurgeraden Steinplattenwegen», erzählt Andrea. Der damalige Besitzer hatte sich als fast 90-Jähriger zwar gewünscht, die Gartenpflege abzugeben, es sich aber nicht nehmen lassen, weiterhin tatkräftig mitanzu- packen. «Ich spürte damals schon, dass ich keine Ge- 18 B i o t e r r a 3 / 2 0 2 6 | F o t o s : B e n e d i k t D i t t l i müsegärtnerin bin», sagt Andrea Meyer. «Ich bin eine Wilde.» Trotzdem habe sie, dem Hausbesitzer zuliebe, den Garten grösstenteils in seinem Sinne weitergepflegt. «Rückblickend habe ich damals aber sozusagen mit an- gezogener Handbremse gegärtnert.» Als der Besitzer starb, konnte das Paar die Liegenschaft kaufen. Es war der Startschuss für eine Transformation, die nicht nur den Garten, sondern auch die Gärtnerin verwandelte. Nach über zwanzig Jahren Selbstständigkeit im Gast- gewerbe und vielen Jahren mit eigenem Restaurant in der Berner Altstadt war sie zutiefst erschöpft und brauchte einen Neuanfang. «Der Garten war nach diesem Burn-out meine Rettung», sagt Andrea. «Irgendwie hat er etwas in mir wachgerüttelt, was tief vergraben war. Etwas, das ich fast vergessen hatte.» Ihre Kindheit hatte sie nämlich grösstenteils in einer Gärtnerei gegen- über ihrem Elternhaus in Bremgarten bei Bern verbracht und von früh bis spät draussen gespielt. «Das war pure Freiheit für mich», erinnert sich Andrea. «Als ich anfing, hier zu werken, kamen so viele Erinnerungen und Gefühle zurück. Es war wie eine Offenbarung. Das Arbeiten mit den Händen, aber auch das Gestalten mit verschiedenen Farben, Düften und Formen, das hat mir unglaublich gutgetan.» Zu dieser Zeit beschloss sie, sich eine Pause zu gönnen und einfach mal etwas ganz an-