Von Sandra Weber in Garten mit Geschichte. Nicht weil er auf Jahrhunderte zurückblicken könnte – der Garten in einem Einfamilienhausquartier in Rothrist AG wurde erst in den 1960er- Jahren angelegt –, sondern weil fast alle darin verbauten Materialien aus zweiter Hand stammen. Conny Wildi und Markus Ruf haben sie über Online-Plattformen, Brockenhäuser und Entsorgungshöfe ge- funden oder von Freunden bekommen, die keine Verwendung mehr dafür hatten. Dank einer gros- sen Portion Einfallsreichtum und handwerklichem Geschick sind in dem rund 550 Quadratmeter grossen Garten in den letzten sieben Jahren die unterschiedlichs- ten Bauten und Kleinstrukturen entstanden, die nicht nur menschlichen, sondern auch tierischen Bewohnern zugutekommen. «Als ich 2018 zu Markus ins Haus zog, bestand der Umschwung grösstenteils aus Rasen», erzählt Conny Wildi. «Uns reizte es sehr, diesem Garten, den bis anhin Markus’ Eltern gepflegt hatten, etwas mehr Leben ein- zuhauchen.» Die Topfpflanzengärtnerin, die seit ihrer Weiterbildung an der ZHAW als Gartengestalterin arbeitet, fertigte deshalb für einen Teil des Grundstücks einen farbenprächtigen, von Hand gezeichneten Plan an, um die Schwiegereltern zu überzeugen. «Der Ätti warf einen Blick darauf und meinte trocken: Und wo ist der Rasen?» Conny Wildi lacht bei der Erinnerung. Er habe sich das nicht so recht vorstellen können, ihnen dann aber trotzdem grünes Licht gegeben. Nach und nach neu gestaltet Ein Glück, denn so konnte aus dem grünen Rasen eine blühende, artenreiche Oase für Menschen und Tiere entstehen, welche die Schwiegereltern so begeisterte, dass sie dem Paar nach und nach fast den ganzen Garten zur Neugestaltung überliessen. «Und immer, wenn wir denken, es hat keinen Platz mehr, finden wir doch noch eine Stelle, die wir neu oder anders nutzen können», sagt Conny Wildi. Auf dem nicht mehr genutzten Parkplatz vor dem Haus zum Beispiel, auf dem ihr Partner kurzer- hand Hochbeete aus Restholz und Mörtelwannen schrei- nerte. Jetzt wachsen dort im Sommer Beeren, Gemüse und Kräuter, dazwischen blühen Tagetes und Ringel- blumen – denn Conny Wildi mag es nicht nur praktisch, sondern auch schön. Eine weitere neue Gartenecke ent- stand, als Markus Ruf einen alten Holzschuppen abriss. Auf dem verdichteten, durchwurzelten Boden wäre es schwierig gewesen, gewöhnliche Staudenbeete anzu- legen. Da kam die Gartengestalterin auf die Idee mit dem Sandhochbeet: «Schliesslich braucht mehr als die Hälfte aller Wildbienenarten offene Sandflächen zum Bauen ihrer Nisthöhlen.» Markus Ruf organisierte im Tausch gegen das Streichen von drei Zimmern bei einem Freund massive Eichenbalken, mit denen das neue Beet eingefasst werden konnte. Aufgefüllt wurde mit Sand, Z e r o - W a s t e - G a r t e n den das Paar gratis erhielt, weil dem Kieswerk die Idee mit dem Sandbeet so gut gefiel. Und dann machte sich Conny Wildi ans Experimentieren, um herauszufinden, was sich unter diesen kargen Bedingungen wohlfühlt. Bislang hat sie mit Disteln, Wilden Möhren und Nattern- kopf gute Erfahrungen gemacht. Es gedeihen aber auch Baptisien, Steppen-Salbei ‘Caradonna’, die bei den blauen Holzbienen beliebten Muskateller-Salbei, Alpen- Astern und Gräser wie Küsten-Rutenhirse ‘Dewey Blue’. Natürlich müsse regelmässig gejätet werden, damit möglichst viel von der Fläche frei bleibe, erklärt Conny Wildi. Das gehe im Sand relativ gut. An einem Gitter aus Armierungseisen ranken Cle- matis hoch und bilden einen filigranen Sichtschutz zum Nachbargrundstück. Ergänzt wird das Sandbeet vom «Motel zur Hummel», einer mannshohen Wildbienen- Nisthilfe mit einer hummelfreundlichen «Tiefgarage». Markus Ruf hat dazu einen alten Schrank umgebaut und darunter zwei selbst gefertigte Hummel-Nistkästen befestigt. Aus den Überresten des alten Holzschuppens entstanden an der Hauswand gegenüber ein Pflanztisch, Ersatzstauraum für Holz und Geräte, ein Igel-Unterschlupf sowie ein kleiner, gedeckter Sitzplatz. «Im Winter unser neuer Lieblingsplatz für ein Fondue», sagt Conny Wildi. Vom Schattenkorridor zum Sonnengarten Ein nur drei Meter breiter Streifen zwischen Haus und Nachbargrundstück führt zum hinteren Gartenteil. Wo andere einen schmalen, schattigen Durchgang sahen, erkannten Conny Wildi und Markus Ruf Potenzial: «Wir versuchen, jeden Quadratzentimeter zu nutzen.» Und so entfernten sie auch hier den Rasen, legten einen Weg und ein schmales Beet mit verschiedenen Farnarten, Japangras Hakonechloa macra und weiteren schatten- liebenden Stauden an. Markus Ruf musste dann auch noch ein Pergola-Gerüst bauen, um den Abschnitt an heissen Tagen zusätzlich mit einem Vlies beschatten | B i o t e r r a 1 / 2 0 2 6 15 Das Beet vor dem Haus unter der Linde wurdemit bereits vorhandenenSteinen aus der Maggiaeingefasst.