Das Frühstücksei frisch ab Nest

Marianne Bertsch aus Walenstadt SG hat sich vor einem Jahr einen lang gehegten Wunsch erfüllt: Sie wurde Hühnerhalterin. Die Erfahrungen mit ihrem bunten Federvieh in ihrem Biogarten sind durchwegs positiv.

Von Katharina Nüesch

marianne_bertsch_huhner_-1.jpg«Chum Bi-bi-bi-biii!» Erklingt der Lockruf, gibt es kein Halten mehr: Lolita, Frieda, Bella und Hermina rennen heran, so schnell es geht. Lolita und ihre Kolleginnen sind das prachtvolle Hühnervolk von Marianne Bertsch und ihrer Familie. Es lebt seit gut einem Jahr hoch über Walenstadt – mit Blick auf See und Berge. Doch die Aussicht interessiert die Hühnervögel wohl kaum. Ihr Reich umfasst ein schmuckes Hühnerhaus, eine eingezäunte Weide und einen weitläufigen Garten. Zur Belohnung fürs sofortige Erscheinen verfüttert Enkelin Lara ihnen ein paar Traubenbeeren. Stolz erklärt sie, dass Hermina ihr Huhn sei. Der Vogel ist zahm und lässt sich auf den Arm nehmen und streicheln.

Marianne Bertsch hat sich vor zwei Jahren frühpensionieren lassen und hat heute endlich Zeit für Familie, Haus und Garten. Am Federvieh hatte sie, die auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, immer Freude. Die Pflegefachfrau liebäugelte schon länger damit, ein paar Hennen zu halten. Das wusste auch ihre Schwester, die schliesslich etwas nachhalf: Zum Sechzigsten schenkte sie Marianne Bertsch einen Gutschein für zwei Junghennen. Dazu ein Buch über den Hühnerstallbau. «Platz hast du ja genug», meinte sie dazu. An Platz mangelt es dem Ehepaar Bertsch tatsächlich nicht. Der grosse, schöne Biogarten zieht sich weitläufig ums ganze Haus und geht nahtlos ins Nachbargrundstück über, wo die Familie des Sohns lebt.

Nutztier und Haustier

huhner_kinder_-27.jpgDie Hühnerhaltung im Garten nimmt selbst in urbanen Gebieten zu, dabei spielen die Landlust und die Freude an der Selbstversorgung eine Hauptrolle. In der Schweiz leben rund 11 Millionen Hühner, der Grossteil davon in Massentierhaltung. Sie fristen ein kurzes Dasein als Masttiere oder Legehennen. Letztere werden nach zirka einem Jahr, wenn ihre Legeleistung sinkt, geschlachtet. Diese Hochleistungsrassen sind allesamt Hybriden, also Kreuzungen, die nicht weiter vermehrt werden können. Im Vergleich zu diesen namenlosen Nutztieren fristet das Haustier Huhn ein wahres Luxusleben. Was bedeutet, dass es sich so verhalten kann, wie es seinem Wesen entspricht.

«Hühner brauchen Artgenossen, sie dürfen nicht alleine gehalten werden. Es müssen also mindestens zwei Tiere sein», sagt Tanja Kutzer, Co-Geschäftsleiterin von Kagfreiland, der Organisation, die sich für artgerechte Nutztierhaltung einsetzt. Wer sich Hühner zulegt, hat die Qual der Wahl, denn in der Schweiz gibt es zirka 150 Rassen. Dazu gehören die letzten drei alten Schweizer Hühnerrassen: das Appenzeller Barthuhn, das Appenzeller Spitzhauben-Huhn und das Schweizer Huhn, für die Pro Specie Rara in Basel eine Aufzuchtstation betreibt. «Hochleistungs-Legehybriden eignen sich nicht für die private Haltung», betont Tanja Kutzer. Althergebrachte wie die erwähnten Schweizer Rassen hingegen schon. Sie sind robust, ausgewogen in Fleisch- und Legequalität, schön in Gefieder und Erscheinung. Wer sie hält, tut etwas für die Erhaltung der Rassen und die Biodiversität. Hühner werden in der Regel fünf bis sieben Jahre alt, in Einzelfällen bis zu zehn Jahre.
Sie legen mit zunehmendem Alter immer weniger Eier. Ältere Tiere, die keine Eier mehr legen, könnten verspeist werden, etwa als Suppenhuhn. Das jedoch ist für die wenigsten Halterinnen und Halter eine Option.

huhner_infrastruktur_-1.jpgEin selbstgebauter Stall

Enkelin Lara beschleunigte Marianne Bertschs Vorhaben, denn auch sie wollte Hühner. Und zwar dringend. Sie lag ihrer Familie so lange in den Ohren, bis Vater und Grossvater zur Werkzeugkiste griffen und binnen dreier Tage ein Hühnerhaus zimmerten – nicht ohne vorher ins Stallbau-Buch geschaut zu haben. Eine kleine «Hühnervilla» auf Stelzen ist entstanden – ausgestattet, wie gesetzlich vorgeschrieben: mit Sitzstangen auf verschiedenen Höhen, Lege-Nestern, Futter- und Trinkstellen. Lara hat die Farbgebung des Hühnerhauses bestimmt und es mit dem Grosi violett und rosarot bepinselt. Ein Treppchen verbindet den Stall mit der eingezäunten Weide, wo die Tiere Platz zum Futtersuchen und Scharren, für Sonnen- und Staubbäder finden. Bäume und Sträucher spenden Schatten und bieten Verstecke und Schutz. Nun gab es für Marianne Bertsch kein Zurück mehr: Ein Hühnervolk musste her. Eine Herzensangelegenheit, aber auch eine Eierangelegenheit. Es sollten keine Hochleistungshühner sein, aber trotzdem solide Eierproduzentinnen. Die Junghennen der Rassen Sussex, Harco, Rhodeländer und Sperber würden in drei bis vier Wochen mit Eierlegen beginnen, sagte der Züchter, bei dem sie den Gutschein einlöste.

«Es war eine grosse Freude, als das erste Ei im Nest lag!», erinnert sich Marianne Bertsch. Pro Tier rechnet sie derzeit mit durchschnittlich 170 Eiern pro Jahr. Es ist ihr ein Anliegen, dass ihre Hühner möglichst artgerecht leben, frei herumtippeln können und beschäftigt sind. «Sie gehen jeden Tag auf dieselbe Tour, immer schön zu viert: Zuerst den Berg hinauf, rund ums Haus und dann in den Gemüsegarten. Beginnt es zu dämmern, kehren sie selbständig in den Stall zurück.» Wohl die beste Idee, um dem Fuchs aus dem Weg zu gehen.

Anzahl Hühner der Grösse des Gartens anpassen

Ist Marianne Bertsch im Garten, dann sind die Hühner als durchaus soziale Wesen bei ihr. Interessiert sind sie hauptsächlich an ihrem Wirken: Gräbt sie in der Erde, kommt das Bodenleben zum Vorschein, das offensichtlich hervorragend schmeckt. Es wird gescharrt, gepickt und dazu gegackert. «Mein Garten ist im Gleichgewicht und reguliert sich weitgehend selber», sagt Marianne Bertsch. Dank seiner Grösse erträgt es die Hühner, ohne grosse Verluste und ohne dass ¬¬¬die Balance bedroht würde. Darum haben die Hühner uneingeschränkten Auslauf, ausser im Frühling, wenn die Gärtnerin frisch gesät und gepflanzt hat. Sind die Pflanzen robuster, empfindet sie die Präsenz der Hühner im Garten nicht als störend. «Klar, da und dort wird gezupft. Erdbeerblätter mögen sie besonders gerne, auch Salat, Rucola und natürlich Beeren. Aber es ist eine Einstellungssache.»

Je nach Fläche und Anzahl Tiere kann ein «Hühner-Garten» zu einer komplett kahlen Fläche werden. «Auf Zierrasen muss man ganz sicher verzichten. Die Tiere scharren und picken, suchen nach Essbarem», sagt Tanja Kutzer. Als grobe Faustregel gilt der Zustand der Wiese: Bleibt sie grün, haben die Hühner genügend Platz. Ist sie braun, ist die Belegung zu dicht. Es ist sinnvoll, verschiedene Auslaufflächen abwechselnd zu nutzen. Büsche und Bäume werden nicht in Mitleidenschaft gezogen. Rund zehn Minuten wendet Marianne Bertsch täglich für ihre Hühner auf. Sie versorgt die Tiere mit Futter und Wasser und putzt die Kotablage. Die «Hühnervilla» ist praktisch eingerichtet: Die ganze Ausstattung lässt sich leicht herausnehmen und reinigen. Ein sauberer Stall und vitale Tiere in artgerechter Haltung sind die beste Ausgangslage, um Krankheiten und Parasiten vorzubeugen, und für rundum glückliche Hühner.

 

Hühner halten – Woran muss gedacht werden?

•    Nachbarn: das Einverständnis einholen.
•    Anzahl Tiere: mindestens zwei Hühner geeigneter Rassen.
•    Stall und Auslauf: Empfehlung Stall für 2 bis 6 Hühner: 2 x 2 m, Aussengehege: mindestens 20 m2
•    Stall: zugfrei, trocken, hell, frische Luft.
•    Ausstattung: Sitzstangen auf unterschiedlichen Höhen, Nester, Einstreu, Futterplätze und Tränke.
•    Weide: Sonnen- und Schattenplätze, Staub- oder Sandbad, Bäume und Sträucher, genügend Tränk- und Futtervorrichtungen.
•    Zaun: wildtiersicher, Höhe je nach Flugverhalten der Rasse (0,8 bis 2 m).
•    Futter/Tränke: Bio-Alleinfutter, Körner und Muschelkalk, ungewürzte Küchenabfälle; stets frisches Wasser.
•    Tiergesundheit: Stall und Tiere regelmässig auf Parasiten untersuchen.
•    Registrierung: bei der kantonalen Koordinationsstelle.
•    Nützliche Links: www.kagfreiland.ch, www.prospecierara.ch; www.zun-schweiz.ch (Züchterverein für ursprüngliches Nutzgeflügel); www.huehner-info.ch; www.bundespublikationen.admin.ch; aviforum.ch; www.blv.admin.ch

Hühnermist – Gefahr der Überdüngung

Wer Hühner halten möchte, sollte sich bewusst sein, dass das stete Scharren, Koten und «An-allem-Zupfen» problematisch für einen kleinen Garten sein kann. Schädlinge werden zwar verspeist oder zerhackt – ebenso Nützlinge wie Regenwürmer. Der hohe Eiweissgehalt des Futters führt zu einem hohen Phosphor- und Stickstoffgehalt der Ausscheidungen. Zu viel Hühnermist auf kleinen Flächen führt zur Überdüngung des Bodens. Vorteilhaft ist ein eher sandiger Boden und viel Einstreu, beispielsweise Hobelspäne. Mist und Holzspäne sollten danach zwei Jahre gut vor Auswaschung geschützt kompostiert werden. Eine «Minimalvariante» in jeder Hinsicht sind Zwerghühner.

Hühnervolk – Mit oder ohne Güggel?

Ein Hahn erfüllt wichtige Sozialfunktionen. Er bringt Struktur in die Herde und erfüllt Wächterfunktionen, schützt vor Angriffen aus der Luft und am Boden. In der Hobbyhaltung muss unbedingt daran gedacht werden, dass Hähne ungeachtet der Tageszeit krähen und dies zu Konflikten mit Nachbarn führen kann. Ist kein Güggel vorhanden, übernimmt in der Regel die Leithenne seine Rolle. Schiebt man ihnen befruchtete Eier unter, brüten Glucken auch ohne Hahn. Der Entscheid Hahn oder nicht ist am besten vor der Anschaffung der Hühner zu fällen. Eine eingeschworene Hühnerherde wird einen Hahn möglicherweise nicht akzeptieren.

Buchtipps:
Das Huhn, Geschichte, Biologie, Rassen, Joseph Barber, Haupt-Verlag, Bern, 2013, Fr. 38.90.
Mein Garten für freilaufende Hühner, Jessi Bloom, Haupt-Verlag, Bern, 2017, Fr. 29.90.

 

Quelle

Zeitschrift «Bioterra»,
Bioterra Magazin Juli/August 2017
(Samstag, 01. Juli 2017)
Kategorie: 
Tiere im Garten